Wehe! Auf!
1925Wehe über uns! - Wir haben den Traum verloren. Nackt frieren die Bäume. Regen wusch ihre Schleier ab. Nicht mehr singt das Haus. Keller wuchs auf bis zum Dach. Mond starrt unbeweglich. Bleich. Er weint nicht mehr.
Wehe uns! Leben ist uns entschwunden. Hohl lärmt der Tag. Wald splittert, Gerümpel grau. Haupt im Azur kreiset nicht mehr, summende Geige. Höhle ward die Brust. Düster. Es tropft. Es knirscht.
Wehe! Die Sonne zerging. Sirius verlosch. Die Wolke Floh uns. Nun stehen wir in gelben Jahres Ruine. Keine Wimper streut Licht. Auge verklang, und die Hand, Die gestirnte Hand ward trockenes Holz!
Wehe! Unser Herz schlugen wir tot. Die Wand, Des Himmels schwarzes Gemäuer bedeckt uns. Ach, Kein Seufzer tröstet uns, kein Lied. Nur Schnee Verschüttete unser Haar. Ohr Hirn-Muschel fängt nicht mehr Gottes Gesang.
Verloren sind wir. Wehe! Gespenster Leer, Vertan in Raum und Zeit. Uhr. Knarrender Stuhl. Wo blieb des Sterbens Süße? - Wo blieb der bunte Tod? Wer stahl uns die letzte Lust?
Diebe sind wir! Einander haben wir uns geraubt Das Leben, den Tod, den größeren Traum, den Schlaf. Und das teuerste Gut: Musik, unsere Heimat, unserer Mutter Schoß. Und kosmische Milchbrust: tönendes Firmament!
Wehe über uns, da Träne versiegte! Vors Antlitz Geschlagene Hand hält mürbe Maske nur noch, Die schält sich vom Haupt, Tapete, widerlich fremd. Und die Adern sterben; melodisches Netz zerfällt.
Eines nur blieb uns: der Schmerz! die Flamme! Fliegende Glut, bohrender Brand. Die Fackel! Die Flamme blieb uns. Das Tiefste blieb uns. Der Fluch ist unser, der sausende Schmerz!
So prassele auf, du: Flammender Mensch! Aus dem Feuer des Schmerzes schaffe die Neue Welt! Aus der Flamme Baue dich auf! Bilde den züngelnden Leib! O! Erstrahle-: Zehrendes Herz, wogendes Hirn.
Schlag empor, Schmerzensmensch, Leuchtkegel, Flammenturm, lodernder Dom!
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Interpretation
Das Gedicht "Wehe! Auf!" von Walter Rheiner ist ein expressionistisches Werk, das eine tiefgreifende Krise und den Verlust des Traums und des Lebens thematisiert. Der Dichter verwendet eindringliche Bilder und Metaphern, um ein Gefühl der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu vermitteln. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt Rheiner eine Welt, die ihre Lebendigkeit und Schönheit verloren hat. Die Natur ist kahl und kalt, die Häuser still, und selbst der Mond scheint leblos. Dies spiegelt den Verlust des Traums und die Leere wider, die die Menschen empfinden. Die Bilder von "Hohl lärmt der Tag" und "Höhle ward die Brust" unterstreichen die innere Leere und das Fehlen von Sinn und Zweck. Der zweite Teil des Gedichts vertieft das Gefühl der Verzweiflung und des Verlusts. Die Sonne und die Sterne sind erloschen, und die Menschen stehen in der Ruine des Jahres. Die Augen und Hände, die einst lebendig und voller Leben waren, sind nun leblos wie trockenes Holz. Das Herz ist tot, und es gibt weder Trost noch Lied. Die einzige Erinnerung an das Leben ist der Schmerz, der als Flamme und Fackel dargestellt wird. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich Rheiner jedoch dem Schmerz zu und sieht ihn als Quelle der Transformation und Erneuerung. Er ruft den "Flammenden Menschen" auf, aus dem Feuer des Schmerzes eine neue Welt zu schaffen. Der Schmerz wird als treibende Kraft für den Aufbau eines neuen Selbst und einer neuen Existenz gesehen. Die Aufforderung, "Schlag empor, Schmerzensmensch", symbolisiert den Aufstieg aus der Verzweiflung und die Möglichkeit, durch den Schmerz zu einer höheren Form des Seins zu gelangen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Wehe uns! Leben ist uns entschwunden.
- Metapher
- Schlag empor, Schmerzensmensch, Leuchtkegel, Flammenturm, lodender Dom!
- Onomatopoesie
- Es tropft. Es knirscht.
- Personifikation
- Mond starrt unbeweglich. Bleich. Er weint nicht mehr.