Weh′ euch, ihr stolzen Hallen

Robert Eduard Prutz

1857

Da soll die Hütte niemand bauen, da siedle nie ein Mensch sich an, wo man den Dichtern nicht mehr trauen, wo man kein Lied mehr hören kann! Wo man der Leier goldne Saite weit schlimmer fürchtet als das Schwert! Wo zu der Geister frischem Streite man weder Raum noch Licht gewährt! Was nützt es Tempel zu errichten, wenn ihr die Götter selbst vertreibt? Die Wahrheit sucht ihr zu vernichten: Was nützt es, daß die Lüge bleibt?! - Ihr habt euch selbst das Los gezogen, die Stunde naht, das Maß ist voll; und statt der Leier greift den Bogen der rächende, der Gott Apoll!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Weh′ euch, ihr stolzen Hallen
↓ Bild in Originalgröße herunterladen

Interpretation

Das Gedicht "Weh' euch, ihr stolzen Hallen" von Robert Eduard Prutz ist eine scharfe Kritik an einer Gesellschaft, die Kunst, insbesondere die Dichtkunst, ablehnt und verachtet. Der Sprecher verflucht Orte, an denen Dichter nicht mehr willkommen sind und wo man ihre Worte nicht mehr hören möchte. Er vergleicht die Angst vor der lyrischen Saite mit der vor dem Schwert, was darauf hindeutet, dass die Macht der Worte als gefährlicher angesehen wird als die physische Gewalt. Der Dichter beklagt, dass es keinen Raum für geistige Auseinandersetzung und Erleuchtung gibt. In den folgenden Strophen greift Prutz die Heuchelei der Mächtigen an. Er wirft ihnen vor, Tempel zu errichten, aber gleichzeitig die Götter selbst zu vertreiben, indem sie die Wahrheit unterdrücken und die Lüge herrschen lassen. Der Dichter fragt, welchen Sinn es habe, Lügen bestehen zu lassen, wenn die Wahrheit vernichtet wird. Er deutet an, dass das Schicksal dieser Gesellschaft bereits besiegelt ist, da sie sich selbst ihr eigenes Verderben herbeigeführt hat. Das Gedicht endet mit einer apokalyptischen Vision. Der Sprecher prophezeit, dass die Stunde der Vergeltung naht und das Maß des Unrechts voll ist. Anstelle der Leier, die für die Dichtkunst steht, wird nun der Bogen gezogen. Der rächende Gott Apoll, der sowohl als Gott der Dichtkunst als auch der Bogenschützen gilt, wird die Strafe vollstrecken. Dies symbolisiert den Untergang der Gesellschaft, die die Kunst und die Wahrheit verachtet hat.

Schlüsselwörter

mehr leier nützt selbst soll hütte bauen siedle

Wortwolke

Wortwolke zu Weh′ euch, ihr stolzen Hallen

Stilmittel

anapher
Da soll die Hütte niemand bauen, da siedle nie ein Mensch sich an
hyperbel
weit schlimmer fürchtet als das Schwert
metapher
Wo zu der Geister frischem Streite man weder Raum noch Licht gewährt
personifikation
Der rächende, der Gott Apoll
symbolik
der Bogen