Weg im Nebel
1932Nun wird die Spur der Füße langsam ungetan, Und aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt Das Trübe, schwadengrauer Nebel himmelan.
Nun wird der Augen-Aufblick langsam leer, Und aus der Höhe, aus der hohen Höhe neigt Die Wolke sich, sinkt Nebel erdwärts schwer.
Nun drängt zu dem verwandten Un-Gesicht Das Wesenlose aus den fahlen Gründen Und hebt sich sehnend ins versäumte Licht.
Nun flieht, was war: es fliehen Busch und Baum, Flieh’n Berg und Tal, die sich zur Flucht verbünden, Es fliehst du, Herz. Es floh’n die Zeit, der Raum.
Land wurde Meer. Meer wurde schwälend Schaum. Ihn schlürft, sich fröstelnd zu entzünden, Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum.
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Interpretation
Das Gedicht "Weg im Nebel" von Maria Luise Weissmann beschreibt einen Prozess des Verschwindens und der Auflösung. Der Nebel wird als eine Kraft dargestellt, die langsam aber unaufhaltsam die Welt umhüllt und verwischt. Die Spur der Füße wird unkenntlich, der Blick wird leer, und die Wolke senkt sich schwer zur Erde. Es entsteht ein Gefühl des Verschwindens und des Verlusts. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Auflösung weiter vorangetrieben. Das Wesenlose drängt aus den "fahlen Gründen" und sehnt sich nach dem Licht. Alles, was war, flieht: Büsche, Bäume, Berge und Täler. Auch das Herz des Sprechers flieht, und mit ihm fliehen Zeit und Raum. Es entsteht ein Gefühl der Auflösung aller festen Strukturen und Grenzen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Auflösung ins Absurde gesteigert. Land wird zu Meer, Meer wird zu Schaum. Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum schlürfen den Schaum, um sich zu entzünden. Es entsteht ein Bild der totalen Auflösung und des Übergangs in eine unbestimmte, vielleicht auch bedrohliche Zukunft. Das Gedicht beschreibt einen Prozess des Verschwindens und der Auflösung, der in einer ungewissen Zukunft mündet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tiefe, tiefen Tiefe
- Bildlichkeit
- Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum
- Enjambement
- Nun wird die Spur der Füße langsam ungetan, / Und aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt
- Hyperbel
- Es floh'n die Zeit, der Raum
- Kontrast
- aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt / aus der Höhe, aus der hohen Höhe neigt
- Metapher
- Land wurde Meer. Meer wurde schwälend Schaum
- Personifikation
- Das Trübe, schwadengrauer Nebel himmelan
- Synästhesie
- Nun drängt zu dem verwandten Un-Gesicht