Was wir wollen

Robert Eduard Prutz

1857

Und mögen wir auch noch so klar von dem, was not tut, sagen, und mögen noch so offenbar der Freiheit Banner tragen: Ihr lacht uns doch ins Angesicht und zählt uns zu den Tollen, ihr denkt, wir wissen selber nicht, nicht völlig, was wir wollen.

So merkt denn auf! Das Vaterland soll fest zusammenhalten, vom Rhein bis an den Ostseestrand selbständig, unzerspalten; stets soll es vorwärts, vorwärts gehn, und ob die Donner rollen, auf eignen Füßen soll es stehn - das ist es, was wir wollen.

Wir wollen Fürsten, habet acht, die gern dem Volk vertrauen und die die Säulen ihrer Macht nur auf dem Recht erbauen; wir wollen Fürsten, die nicht gleich um ein paar Verse schmollen, an Schmeichlern arm, an Liebe reich - das ist es, was wir wollen.

Wir wollen Völker, kühn und stark, von keinem Joch gebogen, genährt von ihrer Vorzeit Mark, zu Knechten nicht erzogen; wir wollen Völker, die nicht bloß stets müssen und stets sollen, durch Krieg berühmt, durch Frieden groß - das ist es, was wir wollen.

Wir wolln Gesetze, kurz und rund, die klar und deutlich sprechen und die auch keines Königs Mund darf biegen oder brechen; wir wolln Gesetze, die dem Born des Lebens frisch entquollen, der Bösen Zaum, der Guten Sporn - das ist es, was wir wollen.

Wir wolln Minister (merkt’s, ihr Herrn!), mit oder ohne Ahnen, wenn sie nur dem Jahrhundert gern weit offne Straßen bahnen! Doch wem des Volkes Liebe fehlt, der soll vom Amt sich trollen, und ob er sechzehn Ahnen zählt - das ist es, was wir wollen.

Wir wollen freie Wissenschaft, zu lernen und zu lehren, und niemand soll des Denkers Kraft in ihrem Fluge wehren. Wir wollen, daß man nicht den Geist, den frischen, lebensvollen, nur Holz und Wasser tragen heißt - das ist es, was wir wollen.

Und dann mein ewig A und O, daß ich es nicht vergesse! Denn ohne das wird niemand froh - das ist die freie Presse; daß wir des Geistes Blüte nicht bei der Zensur verzollen, das dünkt uns Recht, das dünkt uns Pflicht - das ist es, was wir wollen.

Zuletzt noch eins, das ist ein Ton, bei dem die Herzen schlagen, er heißt, er heißt - ihr kennt ihn schon, ich darf ihn doch nicht sagen. Wer wagt das Wort? Wer nennt es hier? Fürwahr, ihr möchtet grollen: Doch gebt nur das, so haben wir, wir haben, was wir wollen.

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Illustration zu Was wir wollen

Interpretation

Das Gedicht "Was wir wollen" von Robert Eduard Prutz ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Freiheit, Selbstbestimmung und nationale Einheit im 19. Jahrhundert. Prutz fordert ein starkes, geeintes Vaterland von Rhein bis Ostsee, das selbständig und vorwärts strebend ist. Er betont die Notwendigkeit von Herrschern, die dem Volk vertrauen und auf Recht statt auf Schmeichelei bauen, sowie von mutigen Völkern, die sich nicht unterwerfen lassen und sowohl durch Krieg als auch durch Frieden Großes erreichen. Das Gedicht setzt sich auch für klare und gerechte Gesetze ein, die nicht von einem König gebogen werden können, sowie für Minister, die dem Volk dienen und offene Wege für die Zukunft bahnen. Prutz fordert zudem eine freie Wissenschaft und Presse, die ohne Zensur und Einschränkungen denken, lehren und informieren können. Er sieht diese Freiheiten als wesentlich für das geistige und kulturelle Leben einer Gesellschaft an. Abschließend deutet Prutz auf das wichtigste Ziel hin, das er jedoch nicht ausspricht, da er befürchtet, dass es auf Ablehnung stoßen könnte. Es ist jedoch klar, dass er damit die Revolution meint, die er als den Schlüssel zur Erreichung aller anderen Ziele ansieht. Das Gedicht ist eine kraftvolle und überzeugende Forderung nach politischer und gesellschaftlicher Veränderung, die bis heute relevant bleibt.

Schlüsselwörter

wollen soll stets wolln heißt mögen klar sagen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
mit oder ohne Ahnen
Anapher
das ist es, was wir wollen
Enjambement
Zuletzt noch eins, das ist ein Ton, / bei dem die Herzen schlagen, / er heißt, er heißt - ihr kennt ihn schon, / ich darf ihn doch nicht sagen.
Hyperbel
auf eignen Füßen soll es stehn
Kontrast
durch Krieg berühmt, durch Frieden groß
Metapher
Geistes Blüte
Personifikation
die Säulen ihrer Macht