Was ist ein Kuß
1806Ein Wunder, ein Geheimnis ist der Kuß; Denn wie des Morgenlandes Weisen sangen, Die Lippe küßt, wohin das Herz sich neigt; Ehrfurcht die Hände, Sklavendienst das Kleid, Die Freundschaft auf die Wangen; auf die Stirne Küßt tröstend Mitefühl; doch auf die Lippen Drückt Liebe ihren Kuß, wildloderndes Verlangen auf das müd´geschlossne Auge, Und Sehnsucht haucht ihn seufzend in die Luft: Noch mehr! Ein Kuß ist das, was ihr ihn schätzt; Nichts, wenn ihr scherzt, und wenn ihr´s ernst meint, alles; Er kühlt und glüht; er fragt und er gibt Antwort, Er heilt und er vergiftet, trennt und bindet; Er kann versöhnen und entzweien, kann Vor Wonne töten, und kann Tote wecken. Und mehr noch, mehr! Was könnte nicht ein Kuß?
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Interpretation
Das Gedicht "Was ist ein Kuß" von Friedrich Halm ist eine tiefgründige Reflexion über die vielschichtige Natur des Kusses. Es beginnt mit der Beschreibung des Kusses als Wunder und Geheimnis, das von den Weisen des Morgenlandes besungen wurde. Der Kuss wird als Ausdruck verschiedener Emotionen und Beziehungen dargestellt: Ehrfurcht, Sklavendienst, Freundschaft, Trost, Liebe, Verlangen und Sehnsucht. Jede dieser Emotionen findet ihren spezifischen Ausdruck im Kuss, sei es auf Händen, Kleid, Wangen, Stirn, Lippen oder Augen. Im zweiten Teil des Gedichts vertieft Halm die Komplexität des Kusses, indem er ihn als etwas beschreibt, das je nach Kontext und Absicht unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Ein Kuss kann als nichts oder als alles betrachtet werden, je nachdem, ob man ihn leichtfertig oder ernsthaft nimmt. Er kann kühlen und glühen, fragen und antworten, heilen und vergiften, trennen und binden. Der Kuss hat die Macht, zu versöhnen oder zu entzweien, vor Wonne zu töten oder Tote zu wecken. Diese Dualität und Vielseitigkeit des Kusses wird durch die Gegenüberstellung von gegensätzlichen Eigenschaften verdeutlicht. Das Gedicht schließt mit einer rhetorischen Frage, die die unendlichen Möglichkeiten und Bedeutungen des Kusses betont. Halm legt nahe, dass die wahre Natur des Kusses über das hinausgeht, was wir uns vorstellen können. Der Kuss wird als ein universelles Symbol der menschlichen Erfahrung dargestellt, das sowohl das Alltägliche als auch das Außergewöhnliche umfassen kann. Durch diese poetische Erkundung lädt Halm den Leser ein, die tiefe Bedeutung und den emotionalen Reichtum des Kusses zu erkennen und zu schätzen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wildloderndes / Verlangen
- Hyperbel
- Vor Wonne töten, und kann Tote wecken
- Kontrast
- Er kühlt und glüht; er fragt und er gibt Antwort
- Metapher
- Ein Wunder, ein Geheimnis ist der Kuß
- Personifikation
- auf die Lippen / Drückt Liebe ihren Kuß