Was ist die Liebe denn?
1893- Frage
»Was ist die Liebe denn?« – »Was ist das Leben?« Mag es zurück als Gegenfrage hallen – So lang kein Liebesstrahl darauf gefallen, Ist’s eines Chaos nebelhaftes Weben.
Siehst Du die Sonne leuchtend sich erheben Und alle Nebel schwindend niederwallen? Hörst Du der Lerche Morgensang erschallen Und siehst sie jubelvoll gen Himmel schweben?
Willst Du ihr folgen in das Licht der Sonnen? Willst Dich mit ihr im blauen Aether wiegen, Bis Deinem Blick die Erde ganz zerronnen?
Wohl ist die Lieb’ solch jubelnd Aufwärtsfliegen, Doch – daß der Himmel für das Herz gewonnen: Das ist der Gottheit Zeichen, drinn wir siegen!
- Antwort
Weil nun die Lieb’ mir alle, alle Poren Des Herzens füllt, weil sie mich ganz durchdrungen Fragst Du: ob ich noch gern wie sonst gesungen, Da ich alleinzig mich der Kunst verschworen?
Die Liebe, die mich also ganz erkoren, Wähnst Du, hab’ wie ein starker Geist bezwungen Den guten Genius mit Feuerzungen, Der früher einzog zu der Seele Thoren?
Ein Engel ist sie, der vom Himmel kommen, Die sel’ge Offenbarung mir zu bringen: Lieb’ und Gesang sind ewig eins geblieben.
Und einer Täuschung hat er mich entnommen: Sonst wußte ich von Liebe nur zu singen, Jetzt sing’ ich, weil ich innig weiß zu lieben.
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Interpretation
Das Gedicht "Was ist die Liebe denn?" von Louise Otto-Peters ist ein tiefgründiges Werk, das die Natur und Bedeutung der Liebe erforscht. Es beginnt mit einer Gegenfrage, die die Liebe mit dem Leben gleichsetzt und betont, dass ohne die Strahlen der Liebe das Leben ein chaotisches und nebliges Gewirke ist. Die Metapher der aufgehenden Sonne und der singenden Lerche wird verwendet, um die erhellende und belebende Kraft der Liebe zu veranschaulichen. Die Liebe wird als ein Aufwärtsstreben zum Licht und zur Freiheit dargestellt, wobei der Himmel für das Herz gewonnen werden soll. Die zweite Strophe antwortet auf die Frage, ob die Liebe die Leidenschaft für die Kunst ersetzt hat. Die Liebe wird als ein Engel beschrieben, der vom Himmel gekommen ist, um eine selige Offenbarung zu bringen. Sie hat das Herz des lyrischen Ichs vollständig erfüllt und durchdrungen. Die Liebe und der Gesang sind untrennbar miteinander verbunden und ewig eins geworden. Die Täuschung, dass man nur von der Liebe singen konnte, ohne sie wirklich zu kennen, ist der Vergangenheit angehört. Jetzt singt das lyrische Ich, weil es innig weiß, wie man liebt. Insgesamt vermittelt das Gedicht die Idee, dass die Liebe eine transformative Kraft ist, die das Leben erhellt und bereichert. Sie ist nicht nur ein emotionales Gefühl, sondern eine spirituelle Erfahrung, die den Menschen mit dem Göttlichen verbindet. Die Liebe wird als eine Quelle der Inspiration und des kreativen Ausdrucks dargestellt, die die Kunst und das Leben selbst durchdringt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Hörst Du der Lerche Morgensang erschallen
- Bildlichkeit
- Siehst Du die Sonne leuchtend sich erheben
- Frage
- »Was ist die Liebe denn?« – »Was ist das Leben?«
- Metapher
- Jetzt sing' ich, weil ich innig weiß zu lieben
- Personifikation
- So lang kein Liebesstrahl darauf gefallen