Wappen von Cöpenick
1917Ein halbgetrunkner Becher Bleibt immer wartend in mir stehn, Ein buntbemalter Fächer Scheint händenah mir fortzuwehn, Ein dumpfer Gegenschimmer Verrät der Sonne Untergang; Im Traum klagt ein Gewimmer, Ich hör es und bin bang.
Die Tiefe und der Himmel Sind vor mir wunderlich gepaart; Ins Lichte führt kein Schimmel, Kein Rapp ins Finstre meine Fahrt. Der Raupe ekle Weiche Ist zarter Falter Kind und Ahn, Das Sternenaug der Schleiche Kriecht mit ihr Staubesbahn.
Mir sang ein Kranz von Lichtern Und ward in meinen Tränen stumm, Mit müden Wachsgesichtern Stehn bleiche Kerzen ringsherum. O daß mein Herz verstünde Auch Flammenlieds verklungnen Schein! Und wenn ich neu ihn zünde -? Die Fackel ist nicht mein.
Ein Brunn ist hinter Türen, Darin ein silbern Fischlein tanzt, Das spielend du berühren Und das du nimmer halten kannst. Gestürzt aus meiner Schüssel Ist Tropfenfrische, Silberlicht; Ich sah am grund den Schlüssel Und faßte ihn nicht.
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Interpretation
Das Gedicht "Wappen von Cöpenick" von Gertrud Kolmar ist eine tiefgründige Reflexion über Sehnsucht, Vergänglichkeit und die Unerreichbarkeit von Wünschen. Die poetische Sprache und die symbolträchtigen Bilder schaffen eine melancholische Atmosphäre, die den Leser in eine Welt der Träume und unerfüllten Sehnsüchte entführt. Das Gedicht beginnt mit einer Reihe von Bildern, die ein Gefühl der Unvollständigkeit und des Wartens vermitteln. Der halbgetrunkene Becher und der buntbemalte Fächer symbolisieren unvollendete Handlungen und unerfüllte Wünsche. Der dumpfe Gegenschimmer der untergehenden Sonne und das Gewimmer im Traum verstärken die Stimmung der Melancholie und der Angst vor dem Unbekannten. Im zweiten Teil des Gedichts werden die Themen der Vergänglichkeit und der Transformation aufgegriffen. Die Raupe, die sich zum Schmetterling verwandelt, symbolisiert den Kreislauf des Lebens und die Möglichkeit der Veränderung. Doch die Reise des Sprechers bleibt ungewiss, da weder ein weißer noch ein schwarzer Hengst ihn ins Licht oder ins Dunkel führt. Dies könnte als Metapher für die Ungewissheit des Lebens und die Unfähigkeit, den eigenen Weg zu kontrollieren, interpretiert werden. Im letzten Teil des Gedichts wird die Unerreichbarkeit von Wünschen und Träumen thematisiert. Der Sprecher sehnt sich danach, die Bedeutung der Flammenlieder zu verstehen und den silbernen Fisch im Brunnen zu berühren, doch diese Wünsche bleiben unerfüllt. Die Fackel, die nicht sein ist, und der Schlüssel, den er nicht fassen kann, symbolisieren die Sehnsucht nach etwas, das immer außer Reichweite bleibt. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Resignation und der Akzeptanz der Unvollkommenheit des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Ich sah am grund den Schlüssel und faßte ihn nicht
- Personifikation
- Im Traum klagt ein Gewimmer