Wappen von Berlin
1894In Silber, aufgerichtet, ein schwarzer Bär. Die Bärin spricht: Ich habe sie getragen, Die Stadt in meinem Schoße, Höhlenbrut. Uns kam der Jäger, und ich musst ihn schlagen. Ihr Schlaf in dickverschneiten Wäldertagen War gut.
Ich wiegte sie mit diesem tiefen Brummen; Mein Tatzenschlag hieß sanft, doch ernst sie stehn. Ich leerte Honigwachs, wo Bienen summen, Und süßes Kraut in erdgeformten Kummen Sie sehn.
Den Klotz, die mörderische Eisenklemme, Den Grubentrug - denn Menschenlist ist viel - Verklagt ich ihr. Und zeigte braune Schwämme, Gab graue Kiesel ihr und Kiefernstämme Zum Spiel.
So wuchs sie auf und fand das Nest der Bienen: Nun häuft sie übermütig bunten Stein, Und ihre Pranke scherzt mit blanken Schienen, Lässt, klein und trüb, Insekten fliehn auf ihnen Und fängt sie ein.
Sie droht und lockt. Die Forste hallen wider. Das Singen unterm Bauerndach verstummt. Sie tappt ins Dorf. Das Buschwerk stampft sie nieder, Den weißen Spierstrauch und den blauen Flieder, Und brummt.
Ich schreite aufrecht. Meine Branten wälzen Den Wolkenblock, der überm Haupt ihr kracht. Und silbern eisige Gestirne schmelzen Als große Flocken mir auf schwarzen Pelzen In Winternacht.
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Interpretation
Das Gedicht "Wappen von Berlin" von Gertrud Kolmar beschreibt die Entstehung und Entwicklung der Stadt Berlin durch das metaphorische Bild einer Bärin und ihres Nachwuchses. Die Bärin, als Symbol für Berlin, erzählt von der Geburt und Erziehung der Stadt, die in ihrem Schoß getragen wurde. Die Stadt wird als Höhlenbrut bezeichnet, was auf ihre Anfänge als kleine Siedlung hindeutet. Die Bärin musste den Jäger, der die Stadt bedrohte, besiegen und sorgte für den Schutz und das Wachstum der Stadt in den schneebedeckten Wäldern. Die Bärin wiegt die Stadt mit ihrem tiefen Brummen und lehrt sie, sich sanft, aber ernst zu verhalten. Sie versorgt die Stadt mit Honig und Kräutern, die sie in erdgeformten Höhlen findet. Die Bärin warnt die Stadt vor den Gefahren der Menschenwelt, wie der mörderischen Eisenklemme und dem Grubentrug, und zeigt ihr die Schönheit der Natur, wie braune Schwämme, graue Kiesel und Kiefernstämme zum Spielen. Die Stadt wächst heran und entdeckt das Nest der Bienen, was auf ihre Entwicklung zur Metropole hindeutet. Sie häufelt übermütig bunten Stein, was auf den Reichtum und die Vielfalt der Stadt hinweist. Die Stadt scherzt mit blanken Schienen, was auf den technischen Fortschritt und die Industrialisierung anspielt. Sie lässt Insekten auf den Schienen fliehen und fängt sie ein, was auf die Ausbeutung der Natur durch die Stadt hinweist. Die Stadt droht und lockt, was auf ihre Macht und Anziehungskraft hindeutet. Die Forste hallen wider, was auf die Ausbreitung der Stadt in die Natur hinweist. Das Singen unter dem Bauerndach verstummt, was auf den Verlust der ländlichen Kultur durch die Urbanisierung hindeutet. Die Stadt tappt ins Dorf und trampelt das Buschwerk nieder, was auf die Zerstörung der Natur durch die Stadt hinweist. Die Bärin schreitet aufrecht und ihre Branten wälzen den Wolkenblock, der über ihrem Haupt kracht. Die silbern eisigen Gestirne schmelzen als große Flocken auf ihren schwarzen Pelzen in der Winternacht, was auf die Kälte und Härte des städtischen Lebens hinweist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- dickverschneiten Wäldertagen
- Bildsprache
- Ich leerte Honigwachs, wo Bienen summen
- Enjambement
- Und silbern eisige Gestirne schmelzen Als große Flocken mir auf schwarzen Pelzen In Winternacht.
- Metapher
- große Flocken mir auf schwarzen Pelzen
- Personifikation
- Die Bärin spricht: Ich habe sie getragen