Walpurgisnacht

Willibald Alexis

1824

Liebe Mutter, heut′ Nacht heulte Regen und Wind. »Ist heute der erste Mai, liebes Kind.«

Liebe Mutter, es donnerte auf dem Brocken droben. »Liebes Kind, es waren die Hexen oben.«

Liebe Mutter, ich möcht keine Hexen sehn. »Liebes Kind, es ist wohl schon oft geschehn.«

Liebe Mutter, ob wohl im Dorf Hexen sind? »Sie sind dir wohl näher, mein liebes Kind.«

Liebe Mutter, worauf fliegen die Hexen zum Berg? »Liebes Kind, auf dem Rauche von heissem Werg.«

Liebe Mutter, worauf reiten die Hexen zum Spiel? »Liebes Kind, sie reiten auf′nem Besenstiel.«

Liebe Mutter, ich sah gestern im Dorf viel Besen. »Es sind auch viel Hexen auf′m Brocken gewesen.«

Liebe Mutter, ′s hat gestern im Schornstein geraucht. »Liebes Kind, es hat Einer das Werg gebraucht.«

Liebe Mutter, in der Nacht war dein Besen nicht zu Haus. »Liebes Kind, so war er zum Blocksberg hinaus.«

Liebe Mutter, dein Bett war leer in der Nacht. »Deine Mutter hat oben auf dem Blocksberg gewacht.«

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Illustration zu Walpurgisnacht

Interpretation

Das Gedicht "Walpurgisnacht" von Willibald Alexis handelt von einer Mutter und ihrem Kind, die sich in der Nacht vor dem 1. Mai unterhalten. Das Kind fragt seine Mutter nach seltsamen Geräuschen und Erscheinungen, die es wahrgenommen hat, und die Mutter antwortet mit Hinweisen auf Hexen und deren Aktivitäten auf dem Brocken, einem Berg, der für seine Verbindung zur Hexensabbat-Tradition bekannt ist. Die Fragen des Kindes deuten auf eine naive Neugier und möglicherweise eine Angst vor dem Unbekannten hin. Die Antworten der Mutter sind voller Anspielungen auf die Hexen, die in dieser Nacht angeblich auf dem Brocken zusammenkommen. Die Mutter scheint das Kind mit ihren Antworten zu beruhigen, aber gleichzeitig auch subtil auf die Realität der Hexerei hinzuweisen, die näher sein könnte, als das Kind denkt. Das Gedicht endet mit einer überraschenden Enthüllung, als das Kind bemerkt, dass der Besen der Mutter und ihr Bett leer waren. Die Mutter gesteht, dass sie selbst eine Hexe ist und auf dem Blocksberg, einem anderen Namen für den Brocken, gewacht hat. Dies deutet darauf hin, dass die Mutter selbst Teil der Hexengemeinschaft ist und an den nächtlichen Zusammenkünften teilnimmt. Das Gedicht spielt mit dem Thema der verborgenen Identität und der Möglichkeit, dass das Unbekannte und das Übernatürliche näher sein könnten, als man vermutet.

Schlüsselwörter

mutter liebe liebes kind hexen nacht brocken oben

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Stilmittel

Anapher
Die wiederholte Verwendung von 'Liebe Mutter' am Anfang jeder Strophe.
Binnengleichnis
Die Vergleichung der Hexen mit den natürlichen Phänomenen wie Donner und Rauch.
Dialog
Das Gedicht ist als Gespräch zwischen Mutter und Kind aufgebaut.
Doppeldeutigkeit
Der Besen, der sowohl als Haushaltsgegenstand als auch als Transportmittel der Hexen dient.
Ironie
Die Mutter enthüllt am Ende, dass sie selbst eine Hexe ist.
Personifikation
Die Winde und der Regen werden als heulend beschrieben.
Wiederholung
Die wiederholte Verwendung von 'Liebes Kind' durch die Mutter.