Waldweg
1885Durch einen Nachbarsgarten ging der Weg, Wo blaue Schlehn im tiefen Grase standen; Dann durch die Hecke über schmalen Steg Auf einer Wiese, die an allen Randen Ein hoher Zaun vielfarb′gen Laubs umzog; Buscheichen unter wilden Rosenbüschen, Um die sich frei die Geißblattranke bog, Brombeergewirr und Hülsendorn dazwischen; Vorbei an Farrenkräutern wob der Eppich Entlang des Walles seinen dunklen Teppich. Und vorwärtsschreitend störte bald mein Tritt Die Biene auf, die um die Distel schwärmte, Bald hörte ich, wie durch die Gräser glitt Die Schlange, die am Sonnenstrahl sich wärmte. Sonst war es kirchenstill in alle Weite, Kein Vogel hörbar; nur an meiner Seite Sprang schnaufend ab und zu des Oheims Hund; Denn nicht allein wär ich um solche Zeit Gegangen zum entlegnen Waldesgrund; Mir graute vor der Mittagseinsamkeit. - Heiß war die Luft, und alle Winde schliefen; Und vor mir lag ein sonnig offner Raum, Wo quer hindurch schutzlos die Steige liefen. Wohl hatt ich′s sauer und ertrug es kaum; Doch rascher schreitend überwand ich′s bald. Dann war ein Bach, ein Wall zu überspringen; Dann noch ein Steg, und vor mir lag der Wald, In dem schon herbstlich rot die Blätter hingen. Und drüberher, hoch in der blauen Luft, Stand beutesüchtig ein gewalt′ger Weih, Die Flügel schlagend durch den Sonnenduft; Tief aus der Holzung scholl des Hähers Schrei. Herbstblätterduft und Tannenharzgeruch Quoll mir entgegen schon auf meinem Wege, Und dort im Walle schimmerte der Bruch, Durch den ich meinen Pfad nahm ins Gehege. Schon streckten dort gleich Säulen der Kapelle Ans Laubgewölb die Tannenstämme sich; Dann war′s erreicht, und wie an Kirchenschwelle Umschauerte die Schattenkühle mich.
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Interpretation
Das Gedicht "Waldweg" von Theodor Storm beschreibt einen einsamen Spaziergang durch die Natur, der mit einem Gefühl der Bedrohung und Einsamkeit beginnt und sich zu einer erlösenden Ankunft im Wald entwickelt. Der erste Teil des Gedichts schildert den Weg durch den Garten des Nachbarn und die anschließende Wiese. Die Natur wird hier als dicht und wild beschrieben, mit Hecken, Sträuchern und Blumen, die den Weg säumen. Die Stimmung ist bedrohlich, da der Sprecher auf eine Schlange trifft und die Stille nur durch das Schnaufen des Hundes des Onkels unterbrochen wird. Die Hitze und die Mittagssonne verstärken das Gefühl der Einsamkeit und des Unbehagens. Im zweiten Teil des Gedichts überwindet der Sprecher seine Angst und setzt seinen Weg fort. Er überquert einen Bach, einen Wall und einen Steg, bis er schließlich den Wald erreicht. Die Beschreibung des Waldes ist farbenfroh und duftend, mit herbstlich roten Blättern, Tannennadeln und Harzgeruch. Die Ankunft im Wald wird als erlösend empfunden, da der Sprecher von der "Schattenkühle" umgeben ist und sich wie an einer Kirchenschwelle fühlt. Das Gedicht endet mit der Ankunft des Sprechers im Wald, der als ein Ort der Ruhe und Erholung dargestellt wird. Die Natur wird als ein Ort der Zuflucht und des Schutzes beschrieben, der dem Sprecher die Einsamkeit und die Bedrohung der Außenwelt nimmt. Das Gedicht kann als eine Metapher für die menschliche Suche nach innerem Frieden und spiritueller Erfüllung gelesen werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Brombeergewirr und Hülsendorn dazwischen
- Bildsprache
- Und drüberher, hoch in der blauen Luft, Stand beutesüchtig ein gewalt'ger Weih
- Hyperbel
- Hoch in der blauen Luft, Stand beutesüchtig ein gewalt'ger Weih
- Metapher
- Schon streckten dort gleich Säulen der Kapelle Ans Laubgewölb die Tannenstämme sich
- Onomatopoesie
- Tief aus der Holzung scholl des Hähers Schrei
- Personifikation
- Und vorwärtsschreitend störte bald mein Tritt die Biene auf
- Symbolik
- Dann noch ein Steg, und vor mir lag der Wald, In dem schon herbstlich rot die Blätter hingen
- Synästhesie
- Herbstblätterduft und Tannenharzgeruch Quoll mir entgegen schon auf meinem Wege
- Vergleich
- Dann war ein Bach, ein Wall zu überspringen