Waldmädchen

Joseph von Eichendorff

1788

Bin ein Feuer hell, das lodert Von dem grünen Felsenkranz, Seewind ist mein Buhl und fodert Mich zum lustgen Wirbeltanz, Kommt und wechselt unbeständig. Steigend wild, Neigend mild, Meine schlanken Lohen wend ich: Komm nicht nah mir, ich verbrenn dich!

Wo die wilden Bäche rauschen Und die hohen Palmen stehn, Wenn die Jäger heimlich lauschen, Viele Rehe einsam gehn. Bin ein Reh, flieg durch die Trümmer, Über die Höh, Wo im Schnee Still die letzten Gipfel schimmern, Folg mir nicht, erjagst mich nimmer!

Bin ein Vöglein in den Lüften, Schwing mich übers blaue Meer, Durch die Wolken von den Klüften Fliegt kein Pfeil mehr bis hieher, Und die Au′n und Felsenbogen, Waldeseinsamkeit Weit, wie weit, Sind versunken in die Wogen - Ach, ich habe mich verflogen!

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Illustration zu Waldmädchen

Interpretation

Das Gedicht "Waldmädchen" von Joseph von Eichendorff erzählt in drei Strophen von der ungreifbaren Natur eines Waldmädchens, das in verschiedenen Gestalten auftritt: als loderndes Feuer, als Reh und als Vogel. In jeder Gestalt betont das Waldmädchen seine Unnahbarkeit und bittet den Betrachter, ihm nicht zu nahe zu kommen oder es zu verfolgen. Das Waldmädchen symbolisiert die wilde, geheimnisvolle und unbezähmbare Natur, die sich dem Menschen entzieht und nicht gefangen werden kann. Die erste Strophe beschreibt das Waldmädchen als ein helles, lodernes Feuer, das von einem grünen Felsenkranz umgeben ist. Der Seewind fordert es zum Wirbeltanz auf, der aufsteigend wild und neigend mild ist. Das Waldmädchen warnt den Betrachter davor, ihm zu nahe zu kommen, da es ihn verbrennen würde. Dies symbolisiert die zerstörerische Kraft der Natur, die den Menschen verletzen kann, wenn er sie nicht respektiert. In der zweiten Strophe verwandelt sich das Waldmädchen in ein Reh, das durch die Trümmer fliegt und über die Höhen zieht, wo die letzten Gipfel im Schnee schimmern. Auch hier warnt das Waldmädchen den Jäger davor, es zu verfolgen, da er es niemals erjagen könnte. Dies symbolisiert die Flüchtigkeit und Unfangbarkeit der Natur, die sich dem Menschen immer wieder entzieht. Die dritte Strophe zeigt das Waldmädchen schließlich als ein Vöglein, das über das blaue Meer schwingt und durch die Wolken fliegt. Es hat sich so weit von der Welt entfernt, dass kein Pfeil mehr bis zu ihm vordringen kann. Die Auen und Felsenbogen sind in den Wogen versunken, und das Waldmädchen hat sich selbst verflogen. Dies symbolisiert die Unerreichbarkeit und das Geheimnis der Natur, die sich dem Menschen entzieht und in eine andere Sphäre entflieht.

Schlüsselwörter

weit feuer hell lodert grünen felsenkranz seewind buhl

Wortwolke

Wortwolke zu Waldmädchen

Stilmittel

Alliteration
Felsenbogen, Waldeseinsamkeit
Kontrast
Ach, ich habe mich verflogen
Metapher
Bin ein Vöglein in den Lüften
Parallelismus
Und die Au′n und Felsenbogen, Waldeseinsamkeit
Personifikation
Seewind ist mein Buhl und fodert Mich zum lustgen Wirbeltanz