Waldlieder

Nikolaus Lenau

1802

Am Kirchhof dort bin ich gestanden, Wo unten still das Rätsel modert Und auf in Grabesrosen lodert; Es blüht die Welt in Todesbanden.

Dort lächelt auf die Gräber nieder Mit himmlisch duldender Gebärde Vom Kreuz das höchste Bild der Erde; Ein Vogel drauf, sang seine Lieder.

Doch kaum daß sie geklungen hatten, Flog scheu zum Wald zurück der Wilde; Ich sang, wie er, ein Lied dem Bilde Und kehrte heim in meine Schatten.

Natur! will dir ans Herz mich legen! Verzeih, daß ich dich konnte meiden, Daß Heilung ich gesucht für Leiden, Die du mir gabst zum herben Segen.

In deinen Waldesfinsternissen Hab ich von mancher tiefen Ritze, Durch die mir leuchten deine Blitze, Den trüglichen Verband gerissen.

Die Vögel fliehn geschwind Zum Nest im Wetterhauche, Doch schleudert sie der Wind Weitab von ihrem Strauche.

Das Wild mit banger Hast Ist ins Gebüsch verkrochen; Manch grünend frischer Ast Stürzt nieder, sturmgebrochen.

Das Heer der Wolken schweift Mit roten Blitzesfahnen, Aufspielend wirbelt, pfeift Die Bande von Orkanen.

Das Bächlein, sonst so mild, Ist außer sich geraten, Springt auf an Bäumen wild, Verwüstend in die Saaten.

Der Donner bricht herein, Es kracht die Welt in Wettern, Als wollt am Felsgestein Der Himmel sich zerschmettern.

Der Regen braust; nun schwand Das Tal in seiner Dichte; Verpfählt hat er das Land Vor meinem Augenlichte.

Doch mir im Herzensgrund Ist Heiterkeit und Stille; Mir wächst in solcher Stund Und härtet sich der Wille.

Durch den Hain mit bangem Stoße Die Gewitterlüfte streichen; Tropfen sinken, schwere, große, Auf die Blätter dieser Eichen.

An ein banges Herzensklopfen Mahnt mich dieser Bäume Schwanken, Mahnt mich an Gewittertropfen, Die aus lieben Augen sanken.

Muß ein großer Schmerz in Zähren Sich entlasten unaufhaltsam, Stürzen ihm die großen, schweren Tropfen plötzlich und gewaltsam.

War die Träne noch zu fassen, Kam sie nicht hervorgebrochen, Denn der Schmerz will sie nicht lassen, Will sie heißer, herber kochen.

O! es waren heiße, herbe, Die aus ihren Augen quollen; Und ich werde, bis ich sterbe, Sehen diese Tränen rollen.

Bist fremd du eingedrungen, So fürcht Erinnerungen, Sie stürzen auf Waldwegen Wie Räuber dir entgegen.

Willst du im Walde weilen, Um deine Brust zu heilen, So muß dein Herz verstehen Die Stimmen, die dort wehen.

In froher Kinder Kreise Verjüngen sich die Greise, Und Grambeladne werden Noch einmal froh auf Erden.

Verjüngender doch wirken In heimlichen Bezirken, Im Schoß der Waldesnächte Natur und ihre Mächte.

Hier quillt die träumerische, Urjugendliche Frische, In ahndungsvoller Hülle Die ganze Lebensfülle.

Es rauschet wie ein Träumen Von Liedern in den Bäumen, Und mit den Wellen ziehen Verhüllte Melodien.

Im Herzen wird es helle, Und heim zum ewgen Quelle Der Jugend darfst du sinken, Dich frisch und selig trinken.

Sehnsüchtig zieht entgegen Natur auf allen Wegen, Als schöne Braut im Schleier, Dem Geiste, ihrem Freier.

Tautropfen auf den Spitzen Der dunklen Halme blitzen Wie helle Liebeszähren, Ein süß nach Ihm Begehren.

Sie schweigt in Sehnsucht lauschend, Dann plötzlich, freudig rauschend, Scheint selig sie zu spüren, Daß er sie heim wird führen.

All ihre Pulse beben, In ihm, in ihm zu leben, Von ihm dahinzusinken, Den Todeskuß zu trinken.

So lauscht und rauscht die Seele, Daß Gott sich ihr vermähle, Fühlt schon den Odem wehen, In dem sie wird vergehen.

Wie Merlin Möcht ich durch die Wälder ziehn; Was die Stürme wehen, Was die Donner rollen Und die Blitze wollen, Was die Bäume sprechen, Wenn sie brechen, Möcht ich wie Merlin verstehen.

Voll Gewitterlust Wirft im Sturme hin Sein Gewand Merlin, Daß die Lüfte kühlen, Blitze ihm bespülen Seine nackte Brust.

Wurzelfäden streckt Eiche in den Grund, Unten saugt versteckt Tausendfach ihr Mund Leben aus geheimen Quellen, Die den Stamm gen Himmel schwellen.

Flattern läßt sein Haar Merlin In der Sturmnacht her und hin, Und es sprühn die feurig falben Blitze, ihm das Haupt zu salben; Die Natur, die offenbare, Traulich sich mit ihm verschwisternd, Tränkt sein Herz, wenn Blitze knisternd Küssen seine schwarzen Haare. - -

Das Gewitter ist vollbracht, Stille ward die Nacht; Heiter in die tiefsten Gründe Ist der Himmel nach dem Streite; Wer die Waldesruh verstünde Wie Merlin, der Eingeweihte!

Frühlingsnacht! kein Lüftchen weht, Nicht die schwanksten Halme nicken, Jedes Blatt, von Mondesblicken Wie bezaubert, stille steht.

Still die Götter zu beschleichen Und die ewigen Gesetze, In den Schatten hoher Eichen Wacht der Zaubrer, einsam sinnend, Zwischen ihre Zweige spinnend Heimliche Gedankennetze. Stimmen, die den andern schweigen, Jenseits ihrer Hörbarkeiten, Hört Merlin vorübergleiten, Alles rauscht im vollen Reigen Denn die Königin der Elfen Oder eine kluge Norn Hält, dem Sinne nachzuhelfen, Ihm ans Ohr ein Zauberhorn. Rieseln hört er, springend schäumen Lebensfluten in den Bäumen; Vögel schlummern auf den Ästen Nach des Tages Liebesfesten, Doch ihr Schlaf ist auch beglückt; Lauschend hört Merlin entzückt Unter ihrem Brustgefieder Träumen ihre künftgen Lieder. Klingend strömt des Mondes Licht Auf die Eich und Hagerose, Und im Kelch der feinsten Moose Tönt das ewige Gedicht.

Der Nachtwind hat in den Bäumen Sein Rauschen eingestellt, Die Vögel sitzen und träumen Am Aste traut gesellt.

Die ferne schmächtige Quelle, Weil alles andre ruht, Läßt hörbar nun Welle auf Welle Hinflüstern ihre Flut.

Und wenn die Nähe verklungen, Dann kommen an die Reih Die leisen Erinnerungen Und weinen fern vorbei.

Daß alles vorübersterbe, Ist alt und allbekannt; Doch diese Wehmut, die herbe, Hat niemand noch gebannt.

Schläfrig hangen die sonnenmüden Blätter, Alles schweigt im Walde, nur eine Biene Summt dort an der Blüte mit mattem Eifer; Sie auch ließ vom sommerlichen Getöne, Eingeschlafen vielleicht im Schoß der Blume. Hier, noch Frühlings, rauschte die muntre Quelle; Still versiegend ist in die Luft zergangen All ihr frisches Geplauder, helles Schimmern. Traurig kahlt die Stätte, wo einst ein Quell floß; Horchen muß ich noch dem gewohnten Rauschen, Ich vermisse den Bach, wie liebe Grüße, Die sonst fernher kamen, nun ausgeblieben. Alles still, einschläfernd, des dichten Mooses Sanft nachgiebige Schwellung ist so ruhlich; Möge hier mich holder Schlummer beschleichen, Mir die Schlüssel zu meinen Schätzen stehlen Und die Waffen entwenden meines Zornes, Daß die Seele, rings nach außen vergessend, Sich in ihre Tiefen hinein erinnre. Preisen will ich den Schlummer, bis er leise Naht in diesem Dunkel und mir das Aug schließt. Schlaf, du kindlicher Gott, du Gott der Kindheit! Du Verjünger der Welt, die, dein entbehrend, Rasch in wenig Stunden wäre gealtert. Wundertätiger Freund, Erlöser des Herzens! Rings umstellt und bewacht am hellen Tage Ist das Herz in der Brust und unzugänglich Für die leiseren Genien des Lebens, Denn ihm wandeln voran auf allen Wegen Die Gedanken, bewaffnet, als Liktoren, Schreckend und verscheuchend lieblichen Zauber. Aber in der Stille der Nacht, des Schlummers, Wacht die Seele heimlich und lauscht wie Hero, Bis verborgen ihr Gott ihr naht, herüber Schwimmend durch das wallende Meer der Träume.

Eine Flöte klang mir im Schlaf zuweilen, Wie ein Gesang der Urwelt, Sehnsucht weckend, Daß ich süß erschüttert erwacht’ in Tränen Und noch lange hörte den Ruf der Heimat; Bliebe davon ein Hauch in meinen Liedern!

Schlaf, melodischer Freund, woher die Flöte? Ist sie ein Ast des Walds, durchhaucht vom Gotte, Hört ich im Traum des heiligen Pan Syringe?

Abend ists, die Wipfel wallen, Zitternd schon im Purpurscheine, Hier im lenzergriffnen Haine Hör ich noch die Liebe schallen.

Kosend schlüpfen durch die Äste Muntre Vöglein, andre singen, Rings des Frühlings Schwüre klingen, Daß die Liebe ist das beste.

Wo die frischen Wellen fließen, Trinken Vöglein aus der Quelle, Keins will unerquickt zur Stelle Seinen Tagesflug beschließen.

Wie ins dunkle Dickicht schweben Vöglein nach dem Frühlingstage, Süß befriedigt, ohne Klage, Möcht ich scheiden aus dem Leben;

Einmal nur, bevor mirs nachtet, An den Quell der Liebe sinken, Einmal nur die Wonne trinken, Der die Seele zugeschmachtet,

Wie vor Nacht zur Flut sich neigen Dort des Waldes durstge Sänger; Gern dann schlaf ich, tiefer, länger, Als die Vöglein in den Zweigen.

Rings ein Verstummen, ein Entfärben; Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln; Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise, Die Zeit der Liebe ist verklungen, Die Vögel haben ausgesungen, Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden Aus dem Verfall des Laubes tauchen Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen, Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen Ist mir, als hör ich Kunde wehen, Daß alles Sterben und Vergehen Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.

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Illustration zu Waldlieder

Interpretation

Das Gedicht "Waldlieder" von Nikolaus Lenau ist ein lyrisches Werk, das die Natur und den Wald als zentrales Motiv verwendet. Es besteht aus neun Teilen, die jeweils verschiedene Aspekte der Natur und des menschlichen Erlebens thematisieren. In den ersten beiden Teilen beschreibt Lenau die Schönheit und den Trost, den die Natur bietet. Er findet im Wald Heilung für seine seelischen Wunden und fühlt sich von der Natur verstanden und angenommen. Der Wald wird als ein Ort der Ruhe und Besinnung dargestellt, an dem man sich von den Sorgen des Alltags erholen kann. Die folgenden Teile beschäftigen sich mit den verschiedenen Stimmungen und Erscheinungen in der Natur. Lenau schildert die Stille und Ruhe des Waldes in der Nacht, den Gesang der Vögel am Abend und den sanften Tod der Blätter im Herbst. Dabei verwendet er häufig personifizierende Elemente, um die Natur zum Leben zu erwecken und eine emotionale Verbindung zum Leser herzustellen. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert Lenau über die Vergänglichkeit des Lebens und die zyklische Natur des Daseins. Er sieht im Sterben der Blätter im Herbst eine Metapher für das menschliche Leben und den Tod. Doch er findet Trost in der Vorstellung, dass alles Sterben und Vergehen nur ein "heimlichstill vergnügtes Tauschen" ist, bei dem neues Leben aus dem Alten entsteht. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Note, die den ewigen Kreislauf von Leben und Tod betont.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Voll Gewitterlust
Bildsprache
Die Vögel fliehn geschwind Zum Nest im Wetterhauche
Hyperbel
Als wollt am Felsgestein Der Himmel sich zerschmettern
Metapher
Wo unten still das Rätsel modert
Oxymoron
bitter sweet
Personifikation
Die Vögel fliehn geschwind
Reim
Die Vögel fliehn geschwind Zum Nest im Wetterhauche
Rhythmus
Die Vögel fliehn geschwind Zum Nest im Wetterhauche
Symbolik
Natur! will dir ans Herz mich legen!
Synästhesie
Es rauschet wie ein Träumen
Vergleich
Wie Merlin