Waldhornsmelodie

Ludwig Tieck

1773

Hörst! wie spricht der Wald dir zu, Baumgesang, Wellenklang: Komm und finde hier die Ruh.

Ruhe aus in dem Gedanken, Daß sie dich ja wieder liebt; Sieh, wie alle Zweige schwanken, Echo Töne wiedergiebt.

Spricht’s herüber dir in’s Herze? Sei getrost und geh’ in’s Thal, Weide dich an deinem Schmerze, Deinem Glücke, allzumahl.

Bist und wandelst in der grünen Waldnacht, Von dem Treiben der Welt so weit, weit, Weißt, daß sie mit Sonnenaufgang bald wacht, Denkst, empfindest ihre Holdigkeit.

Trarah! so springe muntrer Klang Durch die Berge, durch das grüne Gebüsch! Fühlst doch nach der Größe, nach Ruhm nicht Drang, Schlägt dir’s Herz vor Liebe doch so frisch.

Und sie hat dir ja versprochen, Treu zu seyn bis in den Tod; Hat ihr Wort noch nie gebrochen: Nun, was hast du dann für Noth?

Und auch wieder wird sie kommen Mit dem süßen, holdgen Mund, Gram hat dann ein End genommen, Küssest dich an ihm gesund.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Waldhornsmelodie

Interpretation

Das Gedicht "Waldhornsmelodie" von Ludwig Tieck ist eine lyrische Einladung zur Natur und zur inneren Einkehr. Die Waldesstimmen und das sanfte Rauschen der Wellen sprechen den Menschen an und laden ihn ein, hier Ruhe zu finden. Der Dichter beschreibt die beruhigende Wirkung der Natur, die den Kummer lindern und Trost spenden kann. Im zweiten Teil des Gedichts richtet sich die Natur direkt an das Herz des Menschen und ermutigt ihn, Mut zu fassen und ins Tal zu gehen. Er soll sich an seinem Schmerz und an seinem Glück laben, denn beides gehört zum Leben dazu. Die Natur wird als Ort der Heilung und des Trostes dargestellt, an dem man zur Ruhe kommen und seine Gefühle verarbeiten kann. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Blick dem Menschen zu, der einsam in der grünen Waldnacht wandelt, weit entfernt vom Treiben der Welt. Er denkt an seine Geliebte, die bald erwachen wird, und empfindet ihre Anmut. Die fröhlichen Klänge des Waldhorns durchbrechen die Stille und erfüllen den Menschen mit neuer Lebensfreude. Trotz der Sehnsucht nach Größe und Ruhm schlägt sein Herz voller Liebe. Die Geliebte hat ihm Treue bis in den Tod versprochen und ihr Wort noch nie gebrochen. Bald wird sie zurückkehren, den Gram ein Ende nehmen und ihn mit süßen Küssen heilen.

Schlüsselwörter

spricht weit hörst wald baumgesang wellenklang komm finde

Wortwolke

Wortwolke zu Waldhornsmelodie

Stilmittel

Alliteration
Mit dem süßen, holdgen Mund
Anapher
Und auch wieder wird sie kommen
Frage
Spricht's herüber dir in's Herze?
Hyperbel
Schlägt dir's Herz vor Liebe doch so frisch
Imperativ
so springe muntrer Klang
Metapher
Komm und finde hier die Ruh
Onomatopoesie
Trarah!
Personifikation
Küssest dich an ihm gesund
Rhetorische Frage
Nun, was hast du dann für Noth?