Waldgreis
1839Geh hundert Meilen die Buchen lang Den grauviolettenen Stämmegang Wo das Jahrtausend die Kronen treibt Und mit den Nägeln sich Runen schreibt -
Geh hundert Meilen im teppichten Schoß Durchs schwer überkuppelte, blührote Moos, Wo nur als wunderlich Lied noch tönt, Was deinem glänzenden Auge fröhnt. -
Da kommst du an einen gelichteten Raum, Es steht eine Hütte da, sichtbar kaum, So herzen sie Geißblatt und Winden weiß, - An ihrem Pförtchen lehnt zwergig ein Greis.
Der schaut so gar traumhaft und schaut nur und schweigt, Sein Blick dir bis tief in die Seele reicht, Und müde wirst du, unendlich müd′, Und das Wunderlied schwellt und webt und verzieht.
Und der Alte, er winkt. Gern folgst du ihm nach, Draußen die Nacht überringt schon den Tag. Blau irrt am Fensterchen flimmernder Schein, Und du hörst Märchen vom Menschelein.
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Interpretation
Das Gedicht "Waldgreis" von Hugo Ball erzählt von einer mystischen Reise durch einen tiefen, alten Wald. Der Sprecher lädt den Leser ein, hundert Meilen durch die Buchenwälder zu gehen, wo die Zeit durch die jahrtausendealten Kronen und die in die Rinde geritzten Runen spürbar wird. Die Reise führt weiter durch ein dichtes, blütenrotes Moos, wo nur noch ein wunderliches Lied zu hören ist, das das Auge erfreut. In einem gelichteten Raum findet der Wanderer eine kaum sichtbare Hütte, umrankt von Geißblatt und weißen Winden. An ihrem Pförtchen lehnt ein zwerghafter Greis, der den Wanderer mit einem traumhaften Blick tief in die Seele schaut. Die Müdigkeit überkommt den Wanderer, und das Wunderlied schwillt und webt sich in seinem Inneren. Der Alte winkt, und der Wanderer folgt ihm willig in die Nacht, die den Tag bereits überwältigt hat. Blauer, flimmernder Schein irrt am Fensterchen, und der Wanderer hört Märchen vom Menschelein, die von der Vergänglichkeit und der Magie des Lebens erzählen. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre von Mystik und Einsamkeit, in der der Wald als Ort der Transformation und des inneren Wachstums dargestellt wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und das Wunderlied schwellt und webt und verzieht
- Metapher
- Blau irrt am Fensterchen flimmernder Schein
- Personifikation
- Draußen die Nacht überringt schon den Tag