Waisenkinder auf der Heide
1841Kein Obdach! Birg in meinem Schoße Das liebe Lockenköpfchen dein Und schließ’ das Aug’, das dunkle, große, Zu gold’nem Traum, mein Brüderlein!
Die Nacht bricht an - die Vögel schweifen Zu Nest, zu Nest mit letzter Kraft; Der Nebel wallt in langen Streifen So grau daher - und märchenhaft Ziehn Glockenklänge auf der Heide.
Da liegt es ja im Abendscheine, Das stille kleine Gotteshaus, Und rings herum viel Leichensteine, An manchem Kreuz ein Blumenstrauß. Wie muss es sich doch unterm Hügel So heimlich lauschend und so sacht, Wenn traumhaft senkt den weichen Flügel Und lautlos horcht die Sommernacht Den Glockenklang auf der Heide!
Der Tod so süß, so hart das Leben- Träum’ fort, träum’ fort, mein Brüderlein! In Winterfrost, in Sturmesweben Wer tut uns auf, wer lässt uns ein? Wie schön, dem Glück ins Auge sehen, Ins Auge warm und strahlenhell - Uns winkts nur im Vorübergehen Und kommt und flieht, wie Träume schnell, Wie Glockenklänge auf der Heide.
Träum’ fort, träum’ fort - und doch! wie heute So wundersam sich hebt mein Muth, Als grüßt’ uns Gott aus dem Geläute: “Getrost! Es wird noch Alles gut.” Als ging er mit des Tages Scheiden Die Heid’ entlang von Ort zu Ort Und sprach’ zu Allen, die da leiden, Ein freundlich Wort, ein Vaterwort Aus Glockenklängen auf der Heide.
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Interpretation
Das Gedicht "Waisenkinder auf der Heide" von Ernst Ziel beschreibt die einsame und harte Situation zweier Waisenkinder, die auf der Heide Zuflucht suchen. Die Kinder finden in der Dunkelheit und Kälte keinen Schutz und sind aufeinander angewiesen. Die Umgebung wird als düster und geheimnisvoll beschrieben, mit Nebel, Glockenklängen und einem kleinen Gotteshaus. Das Gedicht thematisiert den Kontrast zwischen dem süßen Tod und dem harten Leben. Die Kinder träumen von einem besseren Leben, das ihnen jedoch nur im Vorübergehen winkt und so schnell wieder verschwindet wie Glockenklänge auf der Heide. Die Glockenklänge werden als Symbol für die Vergänglichkeit des Glücks und die Unerreichbarkeit eines besseren Lebens interpretiert. Trotz der düsteren Stimmung und der harten Realität, der sich die Waisenkinder gegenübersehen, gibt es am Ende des Gedichts einen Hoffnungsschimmer. Die Glockenklänge werden als Botschaft Gottes interpretiert, der den Kindern Trost und Zuversicht spendet. Die Kinder erhalten die Hoffnung, dass alles gut werden wird und dass Gott bei ihnen ist, auch wenn sie leiden müssen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- So grau daher - und märchenhaft
- Bildsprache
- In Winterfrost, in Sturmesweben
- Hyperbel
- So heimlich lauschend und so sacht
- Kontrast
- Der Tod so süß, so hart das Leben
- Metapher
- Ein freundlich Wort, ein Vaterwort
- Personifikation
- Als grüßt' uns Gott aus dem Geläute
- Symbolik
- Und rings herum viel Leichensteine
- Vergleich
- Und kommt und flieht, wie Träume schnell
- Wiederholung
- Träum' fort, träum' fort, mein Brüderlein!