Wahrhafte Geschichte
1727der sich zu Hamburg, den letzten Jenner, 1759, auf seinem Boden, an der Spitze des Dachstuhls, eigenhändig erhieng; allen seinen noch lebenden Mitbrüdern zur Warnung aufgesetzt.
Ach! hört mit Furcht und Grauen Ihr guten Männer an, Wozu die Wuth der Frauen Euch alle reizen kann.
Glaubt nicht, daß ihr auf Erden Stets euren Himmel habt, Wenn euch bey viel Beschwerden Der Kuß der Schönen labt.
Quält in dem Weltgetümmel Den Mann des Ehstands Pflicht: So glaubt, der gute Himmel Schloß seine Ehe nicht;
So glaubt, er kaufte theuer Den kurzen Zeitvertreib; So glaubt, zum Fegefeuer Ward ihm sein liebes Weib.
Dann kennt er ohne Zweifel Die Hölle ganz genau: Denn mehr als sieben Teufel Quält eine böse Frau.
In Eheprüfungsstunden Hat mancher Hahnrey oft Beym Trost, den er empfunden, Auf Rache mit gehoft.
Er dacht′ an seine Brüder, Und an der Ehe Lauf, Und setzte manchem wieder Zwölfend′ge Hörner auf.
Drum nehmt, geplagte Männer, Gedult und Tröstung wahr: Zankt eure Frau im Jenner, Zankt ihr im Februar.
Hat sie im Merz von Ränken Das starre Köpfgen voll; Greift im April zu Schwenken, Und macht im May sie toll.
So standhaft wechselt immer; Merkt diesen treuen Rath: Thut nie, was einstens schlimmer Ein armer Ehmann that.
Er, der bey grauen Haaren Ein rasches Mädchen nahm Und nunmehr schnell erfahren, Wie man zu Hörnern kam;
Er glaubte, da zur Rache Sein Alter ihn gelähmt, Es sey sein schöner Drache Durch Schmeicheln leicht gezähmt.
Allein, wie grimmig flogen Nicht oft dem armen Tropf, Der schrecklich sich betrogen, Die Schlüssel nach dem Kopf.
Sie droht′, er mußte fliegen, Und kommen, wenn sie rief, Und untern Stuhle kriechen, Saß ihr das Kopfzeug schief.
Zehn scharfe Nägel fuhren Ihm öfters durch den Bart, Und hinterließen Spuhren Von ihrer Gegenwart.
Einst, schrecklich ists zu sagen! Wollt′ er das erstemal Zu widersprechen wagen, Da seh er seine Qual.
Mir, rief sie: mir zu wehren! Und ich, ich schweige still? Dein Wunder sollst du hören. Ein Wort ist gnug: ich will!
Schon flammten ihre Blicke; Ein Wörtchen sprach er nur, Als schnell in die Peruque Glas und Pantoffel fuhr.
Er schwieg, und lief verzaget Fünf Treppen unters Dach; Da hat er viel geklaget - Du Muse, klag′ ihm nach.
“Ach! ist ein Mann auf Erden Wol so geplagt als du? Erst muß ich Hahnrey werden, Dann Prügel noch dazu!”
Er dachte drauf mit Schmerzen An alle seine Noth, Und fühlte Wuth im Herzen, Und knirscht′, und rief den Tod.
Der Tod, der ungebeten Oft kömmt mit Ungestühm, Kroch doch in diesen Nöthen Nicht unters Dach zu ihm.
Und weil er nicht gekommen, So hat er wehmuths-voll Gar den Entschluß genommen, Den keiner nehmen soll.
“Der, welcher sich erhenket, Schloß er, fühlt kurze Pein. Mein Weib, wenn man′s bedenket, Wird stets mein Henker seyn.
Was acht ich denn der Qualen Von einem Augenblick? Da schon zu tausendmalen - Komm her, geliebter Strick!”
Es war der letzte Jenner, Als sich der Geck erhieng, Und für geplagte Männer Die Märterkron empfing.
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Interpretation
Das Gedicht "Wahrhafte Geschichte" von Johann Friedrich Löwen erzählt die tragische Geschichte eines Mannes, der sich in der Ehe mit einer tyrannischen Frau gefangen fühlt und schließlich Selbstmord begeht. Der Autor nutzt eine moralisierende und warnende Tonlage, um die Gefahren einer unglücklichen Ehe zu verdeutlichen und den Leser auf die möglichen Konsequenzen aufmerksam zu machen. Das Gedicht beginnt mit einer Einleitung, in der der Autor die wahre Geschichte des Mannes einführt, der sich in Hamburg erhängt hat. Es folgt eine Warnung an alle Männer, sich vor den Wutausbrüchen und der Tyrannei ihrer Frauen in Acht zu nehmen. Der Autor betont, dass selbst die Schönheit und der Liebkosungen der Frauen nicht immer ein glückliches Eheleben garantieren können. Im weiteren Verlauf des Gedichts beschreibt der Autor die Qualen, die der Mann in seiner Ehe erleiden musste. Er wird als Hahnrei dargestellt, der von seiner Frau gedemütigt und misshandelt wird. Die Ehe wird als eine Art Fegefeuer beschrieben, in dem der Mann von den sieben Teufeln einer bösen Frau gequält wird. Der Autor rät den geplagten Männern, Geduld und Trost zu suchen und ihre Frauen im Wechsel der Jahreszeiten zu zanken, um ihre Wut zu besänftigen. Das Gedicht endet mit der tragischen Geschichte des Mannes, der sich im Januar erhängt hat. Der Autor beschreibt, wie der Mann, nachdem er seine Frau nicht mehr ertragen konnte, den Entschluss fasste, sich das Leben zu nehmen. Er argumentiert, dass der kurze Schmerz des Erhängens besser sei als das ewige Martyrium durch seine Frau. Das Gedicht schließt mit der Aussage, dass der Mann im letzten Januar sein Martyrium mit dem Erhängen beendet und eine Märtyrerkrone für die geplagten Männer erhalten hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schon flammten ihre Blicke
- Anapher
- Zankt eure Frau im Jenner, Zankt ihr im Februar.
- Epipher
- Ein Wort ist gnug: ich will!
- Hyperbel
- Denn mehr als sieben Teufel Quält eine böse Frau.
- Ironie
- Und weil er nicht gekommen, So hat er wehmuths-voll Gar den Entschluß genommen, Den keiner nehmen soll.
- Metapher
- Es war der letzte Jenner, Als sich der Geck erhieng
- Personifikation
- Der Tod, der ungebeten Oft kömmt mit Ungestühm, Kroch doch in diesen Nöthen Nicht unters Dach zu ihm.