Wahre Freiheit

Kathinka Zitz-Halein

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Herr des Himmels, Herr der Stärke, Herr des Lichts, gib deinen Segen Zu dem großen Freiheitswerke, Förd’re es auf allen Wegen. Aber nicht die rohe, wilde Freiheit schenke deiner Welt, Nein, ein edleres Gebilde, Sei dem Volke zugesellt.

Send’ uns jene Himmelstochter, Jene Götting hehr und licht, Die die Fesseln unterjochter Völker nur zum Heil zerbricht; Die sie Achtung den Gesetzen Zollen lehrt - in Ehre fest, Die das Recht sie nicht verletzen, Treu und Glauben halten läßt.

Die die Finsterniß aufklärend, Strahlend dringet durch die Nacht, Die die Sittlichkeit verehrend, Für das Glück der Menschheit wacht. Die auf die Vernunft gegründet, Stets das Gute emsig sucht, Und nicht von Begier entzündet, Jedem der da reich ist, flucht.

Gib uns Führer, welche schwärmen Für des Lebens höchstes Gut, Welche ohne blindes Lärmen, Glühen in Begeisterungsglut. Solche die bramabasiren, Leere Schalen ohne Kern, Die mit Freiheit kokettiren, Solche halte von uns fern.

Hüt’ uns Herr, vor jenen Fanten, Deren Thun im Sand zerrinnt, Die der Freiheit Comödianten, Statt der Freiheit Priester sind. Die auf Augenblicke lauschen, Drin die Hand das Herz erdolcht, Und im Weihrauch sich berauschen, Drauf Entnüchterung erfolgt.

Gib uns Männer, die voll Adel Der Gesinnung, fort und fort, Sonder Furcht und sonder Tadel, Mit dem Schwerte, mit dem Wort, Kühn die Mißbräuche bekämpfen, Mit der Wahrheit heil’ger Kraft - Aber auch die Flammen dämpfen, Wild empörter Leidenschaft.

Unter ihrer Führung kriegen Wollen wir, so oft es Noth. Laß uns jeden Feind besiegen, In der Freiheit Morgenroth. Schütz’ die schwarz-roth-goldnen Farben, Der Verbrüdrung Unterpfand, In der Sonne Feuergarben, Leuchten sie durch’s ganze Land.

Laß uns nimmer übermüthig In der Siegesglorie steh’n, Und es sollen uns selbst gütig Überwund’ne Feinde seh’n. Laß uns der gestürzten Größe Und dem Unglück Achtung weih’n - Edler Sinn gibt keine Blöße, Macht sich nicht durch Spott gemein.

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Illustration zu Wahre Freiheit

Interpretation

Das Gedicht "Wahre Freiheit" von Kathinka Zitz-Halein ist ein Plädoyer für eine edle und verantwortungsvolle Freiheit, die nicht aus Chaos und Gewalt entsteht, sondern aus Achtung vor Gesetzen, Wahrheit und sittlicher Verantwortung. Die Dichterin wendet sich an eine höhere Macht, die sie bittet, das Freiheitswerk zu fördern, aber nicht die "rohe, wilde Freiheit" zu gewähren, sondern eine "edlere Gestalt", die dem Volk zukommt. Sie fordert eine Freiheit, die gebildet, vernünftig und dem Wohl der Menschheit verpflichtet ist, nicht einer, die von Begier und Neid getrieben ist. Die Dichterin unterscheidet klar zwischen echten Freiheitskämpfern und "Komödianten", die nur vorgaukeln, für die Freiheit zu kämpfen, aber in Wahrheit leer und eigennützig sind. Sie bittet um Führer, die "voll Adel der Gesinnung" sind, mutig Unrecht bekämpfen, aber auch die Flammen der Leidenschaft dämpfen können. Diese Führer sollen standhaft, ohne Furcht und ohne Tadel sein, sowohl mit dem Wort als auch mit dem Schwert für das Gute eintreten. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zu einem noblen Sieg: Die Farben Schwarz-Rot-Gold als Zeichen der Brüderlichkeit sollen durchs Land leuchten, aber die Sieger sollen nicht übermütig werden. Stattdessen sollen sie auch den besiegten Feinden mit Achtung begegnen und edlen Sinns bleiben. Die Dichterin betont, dass wahre Freiheit nur in Verbindung mit moralischer Größe und Respekt vor dem Gegner möglich ist.

Schlüsselwörter

freiheit herr gib laß heil achtung solche fort

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Stilmittel

Anapher
Herr des Himmels, Herr der Stärke, Herr des Lichts, gib deinen Segen
Hyperbel
Für das Glück der Menschheit wacht
Kontrast
Nimmer übermüthig / In der Siegesglorie steh'n
Metapher
Sich nicht durch Spott gemein
Personifikation
Send' uns jene Himmelstochter, Jene Götting hehr und licht