Wär ich gestorben!
1819Wär ich gestorben in der Kindheit Tagen Als ahnungsvoll mein erstes Lied ich sang, Indeß im Marsellaisenwirbel-Schlagen Das Freiheitsjauchzen meines Volkes klang, Wo ich versteckt in meiner stillen Zelle Begeistrungsvoll den Sieg des Fortschritts pries, Und wo der Neuzeit morgenrote Helle Ein träumrisch Kind zur Sängrin werden ließ.
Wär ich gestorben, da mich der umfangen Der mir der Liebe Götterkraft gelehrt, Beim ersten Kuß auf meine bleichen Wangen Beim ersten Liebeswort, das ich gehört - Da schwebten alle Himmel zu mir nieder, Da lächelten mir alle Engel zu In seinem Herzen fand ich meines wieder In seinem Arm allein der Sel’gen Ruh.
Wär ich gestorben als mit freien Liedern Mich einst begrüßt ein deutscher Sängerchor, Wo ihre Stimmen mir sich zu verbrüdern Durch nächt’ge Stille schallten laut empor; Daß ich es fröhlich durfte nun erkennen: Was ich gestrebt mit redlich frommen Sinn, Was ich gethan mich Deutschlands wert zu nennen Die deutsche Jugend nahm es fröhlich hin!
Wär ich gestorben in der Töne Wettern Beim Freudenchor der neunten Symphonie, Wo Menschen werden zu lebend’gen Göttern In dem Titannensturm der Poesie; Wo Flammenblicke in das Herz mir glühten Zu gleicher jubelnder Begeisterung! Wo neue Paradiese mich umblühten Und in den offnen Himmel war ein Sprung -
Wär ich gestorben als Du mich, Poete Von Gottes Gnaden, Schwester hast genannt, Des klagend Lied und dessen freie Rede In meinem Herzen lautes Echo fand, Und als Du selber lauschtest meinem Sange Wie einer liebgewordnen Molodie, So lauscht der Strom auf seinem weiten Gange Der nahen Quelle und dem Strom lauscht sie.
Wär ich gestorben - doch es ist vergebens - Nicht in den Stunden reiner Seligkeit, Nicht in der Fülle eines kühnen Strebens Naht uns der Tod und findet uns bereit! Erst muß vorbei die stolze Stunde rennen In der wir zweifellos uns selbst geglaubt, Erst muß die heil’ge Flamme niederbrennen, Der Kranz verdorren der uns frisch umlaubt!
Erst müssen wir auf Gräbern wandeln lernen Und unser Herz muß werden selbst ein Grab; Die leuchtendsten von unsres Glückes Sternen Sie müssen vor uns sinken bleich hinab, Erst wenn wir einsam unter Trümmern stehen, Entlaubte Bäume unter Eis und Schnee, Dann dürfen langsam wir zum Tode gehen, Doch ohne Jubel, ohne Abschiedsweh.
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Interpretation
Das Gedicht "Wär ich gestorben!" von Louise Otto-Peters ist ein nachdenklicher Rückblick auf verschiedene Lebensphasen und Erlebnisse, die die Dichterin als Höhepunkte ihres Daseins betrachtet. In fünf Strophen schildert sie jeweils einen Moment, in dem sie sich am glücklichsten gefühlt haben könnte, wenn der Tod sie dann ereilt hätte. Die erste Strophe beschreibt die Kindheit, in der die Dichterin ihr erstes Lied sang und dabei die Freiheitsbewegung in Deutschland wahrnahm. Die zweite Strophe thematisiert die erste Liebe und die damit verbundene tiefe emotionale Erfüllung. In der dritten Strophe geht es um die Anerkennung durch einen deutschen Sängerchor, was für die Autorin ein Zeichen der Wertschätzung ihrer Arbeit war. Die vierte Strophe beschreibt die Begeisterung für Beethovens neunte Symphonie, ein Erlebnis, das die Dichterin tief berührte. Die fünfte Strophe bezieht sich auf die Anerkennung durch einen Dichter, der sie als "Schwester" bezeichnete und ihre Werke würdigte. Die abschließende sechste Strophe reflektiert über die Unausweichlichkeit des Todes und die Tatsache, dass dieser nicht in den Momenten größter Freude oder Erfüllung eintritt. Stattdessen kommt der Tod erst nach einer Reihe von Enttäuschungen und Verlusten, wenn man einsam und verlassen dasteht. Die Dichterin beschreibt diesen Prozess als notwendige Erfahrung, die man durchleben muss, bevor man bereit ist, den Tod ohne Aufhebens und ohne Abschiedsschmerz zu akzeptieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Wär ich gestorben
- Hyperbel
- Wo Menschen werden zu lebend'gen Göttern
- Metapher
- Entlaubte Bäume unter Eis und Schnee
- Personifikation
- Daß ich es fröhlich durfte nun erkennen
- Vergleich
- So lauscht der Strom auf seinem weiten Gange