Wachstum
1870Ich will nun innerer Herrscher werden. Mag Inneres mich als Sklave schlau umschleichen. Es stockt der Schritt, so nur sich etwas regt. Da draußen, wo nicht reicht das Sein. Also weiter wachsen! Haben’s gut die Pflanzen! Weh und quälend wächst, was ein Mensch ist, in sich hinein. Immer mehr hinein. Nicht hinaus wie die Pflanzen. Wie eine Traumeswand mit Händen unserer Seele wir schieben. - Aus grellem, fürchterlichem Urgebilde. Da sollen wir denn hausen, in rundergossenem Kerker. Eingekerkert. Und nun freie klare Luft der großen Wirklichkeit. O Traum, du furchtbar naher Nachbar. Und wild, ganz anderer. Und was werden dann für andere kommen. - O Welt, bist du furchtbar: Denn du hast einen Sinn. Und den erfüllst du und marterst uns zu deinem Leben. Und darum Geschlechtsfeste, denen Fleisch wächst. So, nun, ihr schweren, scheuen Kymren Schöße, Sollt ihr euch schwingen wie üppig bleiche Sterne, Wie Anemonenseelen. Äolsharfenglutend. Maskenzug. Cider. Wollt ihr Cider dazu trinken? Ernst berauscht sollt ihr Kinder wollen, Nichtsverhohlen, verstohlen, insgeheim. Nein, Kinder des Volkes. - Zugewollt; wie einen Becher euch dem Vaterlande zugetragen. Der heilige Gral. Und wollt ihr nicht? Wollt ihr nicht die Wonneströme durch eures Lebens Ströme fließen lassen, so lebt euch geistig, Frei und geistig aneinander hoch. Und fallt ihr: Nicht gar so schlimm, So fallt auf Blumen ihr und Kräuter hin. Und eine Nachtigall fliegt weg. Und sprengt ein paar Wipfel weiter ihr Liederherz. Des Dichters weihefarbne Sehnsucht Sind die Erfüllung der Völker, das Lied der Welt.
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Interpretation
Das Gedicht "Wachstum" von Peter Hille thematisiert den inneren Kampf des Menschen um Selbstbeherrschung und spirituelle Entwicklung. Der Sprecher strebt danach, der Herrscher über seine innere Welt zu werden, während er gleichzeitig erkennt, dass die eigenen Triebe und Emotionen versuchen, ihn als Sklaven zu halten. Das Wachstum des Menschen unterscheidet sich von dem der Pflanzen, da es nicht nach außen, sondern nach innen gerichtet ist. Dieser Prozess wird als mühsam und schmerzhaft beschrieben, da der Mensch versucht, aus dem "grellen, fürchterlichen Urgebilde" auszubrechen und in die "freie klare Luft der großen Wirklichkeit" vorzudringen. Das Gedicht berührt auch das Thema der Sexualität und Fortpflanzung als Teil des menschlichen Wachstums und der Entwicklung. Hille verwendet starke, bildhafte Sprache, um die Leidenschaft und Intensität dieser Erfahrungen zu beschreiben. Er fordert die Menschen auf, sich der Fruchtbarkeit und der Schaffung neuer Leben zu öffnen, sei es durch physische Kinder oder durch geistige Schöpfungen. Die Idee des "heiligen Grals" und des "Vaterlandes" deutet auf eine nationalistische und patriotische Komponente hin, die die Bedeutung der Fortpflanzung für die Kontinuität der Nation unterstreicht. Abschließend präsentiert das Gedicht eine Vision des menschlichen Wachstums als kollektive Anstrengung, die zur Erfüllung der Völker und zum "Lied der Welt" führt. Der Dichter sieht seine eigene Sehnsucht als Teil dieses größeren Prozesses, der die Menschheit zu einem höheren Bewusstsein und einer tieferen Verbindung mit der Welt führt. Trotz der Schwierigkeiten und des Schmerzes, die mit dem Wachstum einhergehen, ist die Botschaft des Gedichts letztendlich eine der Hoffnung und des Fortschritts, da der Mensch bestrebt ist, seine inneren Grenzen zu überwinden und sich zu einem höheren Zustand des Seins zu entwickeln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Es stockt der Schritt, so nur sich etwas regt.
- Metapher
- Sind die Erfüllung der Völker, das Lied der Welt.
- Personifikation
- Mag Inneres mich als Sklave schlau umschleichen.
- Vergleich
- So fallt auf Blumen ihr und Kräuter hin.