Wacher Traum
1837Ich trat in’s Zimmer, der letzte Von allen Gästen, herein, Da saßen die Frauen im Kreise Und strickten beim Kerzenschein.
Und alle waren Bekannte, Und nickten mir freundlich zu; Und mit dem Finger am Munde Winkt’ eine mich zur Ruh'.
Denn mitten im Kreis saß ein Dichter Und macht’ ein ernstes Gesicht, Und focht dabei mit den Händen Und las ein schlechtes Gedicht. –
Doch unter den Frauen im Saale War eine mir unbekannt, Mit lichtem Ringelhaare, Sie trug ein blau Gewand.
Ich setzte mich neben den Dichter, Zu horchen, was er las: Er hatte lang’ gelesen, Ich aber wußte nicht, was.
Ich hatt’ indessen von Sternen, Und Blumen und Tönen geträumt, Wie die Nachtigall schlägt im Walde, Und nieder das Wasser schäumt;
Und wie die Königin sitzet Auf hohem, goldenem Thron, Und reicht dem Sänger lächelnd Ein Kleinod zum Sangeslohn!
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Interpretation
Das Gedicht "Wacher Traum" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von einem Traum, der den Erzähler in eine seltsame, aber vertraute Szenerie führt. Der Traum beginnt mit dem Erzähler, der als letzter Gast ein Zimmer betritt, in dem Frauen im Kreis sitzen und bei Kerzenschein stricken. Die Anwesenden sind ihm alle bekannt und begrüßen ihn freundlich, doch eine Frau mit lockigem Haar und einem blauen Kleid ist ihm unbekannt. Mitten im Kreis sitzt ein Dichter, der ein ernstes Gesicht macht und mit den Händen fuchtelt, während er ein schlechtes Gedicht vorträgt. Der Erzähler setzt sich neben den Dichter, um zuzuhören, doch er kann sich nicht konzentrieren und träumt stattdessen von Sternen, Blumen, Tönen, Nachtigallen, Wasser, einer Königin auf einem goldenen Thron und einem Kleinod, das sie dem Sänger als Lohn für sein Lied reicht. Der Traum endet abrupt, als der Erzähler aus seiner Tagträumerei erwacht und feststellt, dass er nicht weiß, was der Dichter vorgelesen hat. Das Gedicht thematisiert die Flüchtigkeit und Unzuverlässigkeit von Träumen und die Unfähigkeit des Erzählers, sich auf die Realität zu konzentrieren. Die unbekannte Frau mit dem blauen Kleid und das schöne Bild der Königin und des Sängers deuten auf eine Sehnsucht nach Schönheit und Romantik hin, die der Erzähler in seinem wachen Leben nicht finden kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und focht dabei mit den Händen
- Anapher
- Und alle waren Bekannte, Und nickten mir freundlich zu
- Bildlichkeit
- Und reicht dem Sänger lächelnd Ein Kleinod zum Sangeslohn
- Enjambement
- Ich trat in's Zimmer, der letzte Von allen Gästen, herein
- Metapher
- Und wie die Königin sitzet Auf hohem, goldenem Thron
- Personifikation
- Wie die Nachtigall schlägt im Walde
- Symbolik
- Und strickten beim Kerzenschein