Wacher Traum

Hermann Rollett

1825

Das Lied der Nacht war ausgesungen, Verklungen mit dem Sternenchor, Und aus des Morgens Dämmerungen Floß stilles Sonnengold hervor.

Noch war die Knospe mild umrötet, Von blassen Funken kaum umsprüht, Bis von den Hainen angeflötet, Sie ganz als Sonnenrose glüht.

Du Herr der Freude, Herr des Lebens! Dank dir, daß ich schon aufgewacht, Daß all der Jubel nicht vergebens, Nicht mehr im Traume mich umlacht! —

Da flammt es hell im Aetherblaue, Und Lerchen wirbeln in die Luft, Und ans dem diamantnen Thaue Entringt sich Licht und Glanz und Duft.

Und rings erschallen frohe Lieder, Und alles glüht und jauchzt und schäumt, Da war mir, als erwacht ich wieder, Als hätt ich jetzt erst süß geträumt.

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Illustration zu Wacher Traum

Interpretation

Das Gedicht "Wacher Traum" von Hermann Rollett schildert den Übergang von der Nacht zum Tag als eine Erweckung aus einem tiefen, traumhaften Zustand. Die Nacht wird als "Lied" beschrieben, das mit dem "Sternenchor" verklingt, während das Morgenlicht langsam hervortritt. Diese Bilder vermitteln eine Stimmung der Ruhe und des sanften Übergangs, bei dem die Natur in ein neues Leben erwacht. Die zweite Strophe vergleicht die aufgehende Sonne mit einer Knospe, die sich allmählich öffnet und zu einer "Sonnenrose" wird. Dieser Vergleich unterstreicht die Schönheit und das Wunder des neuen Tages, der von der Natur mit Freude begrüßt wird. Der Dichter dankt dem "Herrn der Freude" und dem "Herrn des Lebens" dafür, dass er aus diesem traumhaften Zustand erwacht ist und die Freude und den Jubel der Natur nicht mehr nur träumt, sondern in Wirklichkeit erleben kann. In den letzten Strophen erreicht das Gedicht seinen Höhepunkt, als die Natur in voller Pracht erwacht. Die Lerchen steigen in den Himmel, das Licht und der Duft breiten sich aus, und die Welt ist erfüllt von Liedern und Jubel. Der Dichter fühlt sich, als wäre er gerade aus einem süßen Traum erwacht, was die tiefe Verbindung zwischen Traum und Wirklichkeit betont. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Schönheit und Freude des Lebens oft wie ein wacher Traum erscheinen, der die Seele erfüllt und beflügelt.

Schlüsselwörter

glüht herr lied nacht ausgesungen verklungen sternenchor morgens

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Stilmittel

Anapher
Herr der Freude, Herr des Lebens
Metapher
süß geträumt
Personifikation
Das Lied der Nacht war ausgesungen