Vorwurf
1870Ich seh’ Euch mit den Fingern nach mir zeigen, Die Achseln zucken, lächeln dann und schweigen. Ihr rechnet mich seit jeher zu den Tollen, Und Mitleid nur vermögt Ihr mir zu zollen; Doch würdet Ihr in meine Seele schauen, Euch überfiele namenloses Grauen, Ihr würdet mich der schwersten Sünden zeihen: “Auf! Kreuzigt ihn!” so klänge Euer Schreien, - Und einen Vorwurf nur für mich es gibt: Ich hab’ im Leben viel zu viel geliebt.
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Interpretation
Das Gedicht "Vorwurf" von Felix Dörmann beschreibt die Isolation und das Missverständnis, das der Sprecher von seiner Umgebung erfährt. Die Menschen um ihn herum betrachten ihn als "Tollen" und zeigen nur Mitleid, ohne seine wahre Natur zu verstehen. Der Sprecher fühlt sich von der Gesellschaft verurteilt und ausgegrenzt. In der zweiten Strophe wird deutlich, dass der Sprecher ein tiefes Geheimnis oder eine schwere Last trägt, die er nicht mit anderen teilen kann. Er deutet an, dass die Menschen, wenn sie in seine Seele schauen könnten, von namenlosem Grauen überfallen würden und ihn der schwersten Sünden bezichtigen würden. Der Sprecher fühlt sich von seiner Umgebung missverstanden und verurteilt. Das Gedicht endet mit einer überraschenden Wendung. Der einzige Vorwurf, den der Sprecher an sich selbst richtet, ist, dass er im Leben zu viel geliebt hat. Dies deutet darauf hin, dass seine intensive Liebe und Leidenschaft von der Gesellschaft als Schwäche oder sogar als Sünde angesehen wird. Der Sprecher akzeptiert die Kritik und das Urteil der anderen, betont aber gleichzeitig seine eigene Unschuld und die Reinheit seiner Gefühle.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Ich seh' Euch mit den Fingern nach mir zeigen, Die Achseln zucken, lächeln dann und schweigen.
- Bildsprache
- Euch überfiele namenloses Grauen
- Hyperbel
- Ich hab' im Leben viel zu viel geliebt.
- Ironie
- Ihr rechnet mich seit jeher zu den Tollen, Und Mitleid nur vermögt Ihr mir zu zollen;
- Metapher
- Ich hab' im Leben viel zu viel geliebt.
- Personifikation
- Ihr würdet mich der schwersten Sünden zeihen