Vorklage

Johann Wolfgang von Goethe

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Wie nimmt ein leidenschaftlich Stammeln Geschrieben sich so seltsam aus! Nun soll ich gar von Haus zu Haus Die losen Blätter alle sammeln.

Was eine lange, weite Strecke Im Leben voneinander stand, Das kommt nun unter einer Decke Dem guten Leser in die Hand.

Doch schäme dich nicht der Gebrechen, Vollende schnell das kleine Buch! Die Welt ist voller Widerspruch, Und sollte sich′s nicht widersprechen?

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Interpretation

Das Gedicht "Vorklage" von Johann Wolfgang von Goethe beschäftigt sich mit der Veröffentlichung und Rezeption seiner lyrischen Werke. Der Dichter reflektiert über den Prozess, seine leidenschaftlichen und stotternden (vielleicht unvollkommenen) Gedichte zu sammeln und zu veröffentlichen. Er äußert eine gewisse Unsicherheit darüber, wie seine "losen Blätter" (verstreute Gedichte) von den Lesern aufgenommen werden. Das Bild des "leidenschaftlich Stammeln" deutet auf eine ungezügelte, vielleicht chaotische Kreativität hin, die sich in der Sammlung seiner Werke niederschlägt. Die zweite Strophe thematisiert die zeitliche und räumliche Distanz zwischen den einzelnen Gedichten. Goethe stellt fest, dass Werke, die im Laufe eines langen Lebens entstanden sind und möglicherweise weit voneinander entfernt in der Zeit liegen, nun unter einem "Dach" (in einem Buch) vereint sind. Dieses Zusammenführen verschiedener Lebensphasen und Erfahrungen in einer Sammlung zeigt die Vielfalt und Entwicklung des Dichters im Laufe der Zeit. Es impliziert auch die Idee, dass der Leser nun einen umfassenden Einblick in Goethes lyrisches Schaffen erhält. In der letzten Strophe appelliert Goethe an den Leser, die Unvollkommenheiten seiner Werke nicht zu sehr zu kritisieren. Er ermutigt dazu, das "kleine Buch" zu vollenden, also alle Gedichte zu lesen, auch wenn sie Fehler oder "Gebrechen" enthalten mögen. Die abschließende Aussage "Die Welt ist voller Widerspruch, Und sollte sich's nicht widersprechen?" fasst eine zentrale These des Gedichts zusammen: Die Welt ist von Natur aus widersprüchlich und chaotisch, und daher sollte es nicht überraschen, wenn auch die Dichtung des Dichters diese Widersprüche widerspiegelt. Dies kann als eine Verteidigung der Authentizität und Ehrlichkeit in der Kunst verstanden werden, bei der Perfektion nicht das oberste Ziel ist, sondern die wahre Wiedergabe der menschlichen Erfahrung.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Geschrieben sich so seltsam aus
Hyperbel
Was eine lange, weite Strecke / Im Leben voneinander stand
Metapher
Wie nimmt ein leidenschaftlich Stammeln / Geschrieben sich so seltsam aus!
Personifikation
Dem guten Leser in die Hand
Rhetorische Frage
Und sollte sich's nicht widersprechen?