Vorgefühl
1880Neigst du dich zum Untergange Meines Lebens schöner Stern? - Sink′ ins Meer! mir ist nicht bange, Und ich sterbe froh und gern.
Wie ein Flötenton verhallen Möcht′ ich auf der Schäferflur, Mit den Abendwinden wallen Auf der Blumengöttin Spur.
Ach, nicht Erdennoth und Schmerzen Wecken so allmächt′gen Drang; Stärker zehrt an stillen Herzen Stiller Freuden Ueberschwang.
Wollt ihr mich zu Boden schlagen, Wollt ihr meine Mörder sein? Länger kann ich euch nicht tragen, Himmelswonnen, haltet ein!
Hab′ ich nicht mein Werk geendet Nach des Ewigen Geheiß? Hab′ ich nicht ihn ganz vollendet Des geweihten Lebens Kreis?
Glaube, Lieb′ und Freude haben Meine Seele schon verklärt, Haben ihres Himmels Gaben Mir in reichem Maß bescheert.
Dort im Westen sinkt die Sonne, Gleich der schönsten Elegie: Wer verwehrt mir denn die Wonne, Daß ich hier mit ihr verglüh′?
Lieblich winkt aus diesen Fluten Mir der Tod zum Bruderkuß: Ha, der Wonne! hinzubluten, Zu vergehn im Gluterguß!
Ja ich fühl′s, ich werde sterben, Wie das letzte Veilchen stirbt, Wie die Blätter sich entfärben, Wie des Gartens Schmuck verdirbt.
Lächelnd wie am Himmelsbogen Wir den Stern der Liebe sehn, Werd′ ich in den ew′gen Wogen Lächelnd selig untergehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Vorgefühl" von Max von Schenkendorf handelt von der Bereitschaft des lyrischen Ichs, den Tod zu akzeptieren und sogar willkommen zu heißen. Der Sprecher empfindet eine tiefe Sehnsucht nach dem Sterben, die nicht aus irdischem Leid, sondern aus einer überwältigenden Fülle an stillen Freuden erwächst. Das Gedicht beschreibt den Wunsch, sanft und friedlich zu sterben, wie ein Flötenton auf einer Schäferflur, und sich auf den Spuren der Blumengöttin zu verlieren. Das lyrische Ich reflektiert über ein erfülltes Leben, das nach dem Willen des Ewigen gelebt wurde. Glaube, Liebe und Freude haben die Seele des Sprechers bereits verklärt und mit himmlischen Gaben beschenkt. Der Tod wird als Bruderkuss aus den Fluten herausgelockt, und der Sprecher sehnt sich danach, in einem Gluterguss zu vergehen. Das Gedicht vergleicht den Tod mit dem Vergehen einer Blume oder des Herbstlaubs, jedoch mit einem Lächeln auf den Lippen, ähnlich dem Anblick des Venussterns am Himmelsbogen. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass das lyrische Ich lächelnd und selig in den ewigen Wogen untergehen wird. Der Tod wird nicht als etwas Furchterregendes dargestellt, sondern als eine ersehnte Erlösung und ein Übergang in einen Zustand ewigen Glücks. Die Bereitschaft zum Sterben wird als natürlicher und friedlicher Prozess dargestellt, der dem Zyklus von Leben und Tod in der Natur entspricht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Nicht Erdennoth und Schmerzen / Wecken so allmächt′gen Drang
- Metapher
- Werd ich in den ew′gen Wogen / Lächelnd selig untergehn
- Personifikation
- Auf der Blumengöttin Spur
- Rhetorische Frage
- Hab ich nicht mein Werk geendet / Nach des Ewigen Geheiß?
- Vergleich
- Wie die Blätter sich entfärben, / Wie des Gartens Schmuck verdirbt