Vorbeugende Abwehr

Felix Dahn

unknown

I.

Ich hör′ es schon! »Wie unbedeutend!« - tönt es - »Wie nichtig diese Stoffe! Unverständlich Oft die Beziehungen! Was gehen uns All diese Hochzeiten und Taufen an? Die Feuerwehr sogar besingt der Mann! Und welche gränzenlose Eitelkeit, All diese Verslein drucken gar zu lassen! In′s Kleinlichste verläuft die Dichtung hier.«

Gemach, ihr Herrn! »Sub specie aeterni« Betrachtet ist auch Kleines, Flüchtiges Nicht werthlos: wie Gott nicht nur in den Sternen, - Im kleinsten Blümchen lebt in Feld und Flur, So kann die Kunst - und soll′s! - das Ideale Auch in dem Kleinsten finden und verkünden. Der Tropfen Thau, darauf die Sonne scheint, Wird zum Demant und strahlt in höchster Schöne.

II.

Dem großen Meister Aristoteles Ablernt′ ich längst die Weisheit: aus gegebnem Das möglichst Schöne, Gute bilden, ist Des Menschen Vorrecht, Pflicht zugleich und Freude: Aus rohem Marmor schafft die Kunst die Göttin Der Schönheit, und aus Marmorsplitterchen Kann auch ein kleines Kunstwerk noch sie bilden. Das ist der »objective Idealismus«, der Alltägliches und rasch Vergängliches Zu adeln sucht, zu weih′n und zu verew′gen Durch edle Form: ist mir die Form mißlungen, Verwerft die kleinen Dichtungen als werthlos Wie Wassertropfen: - doch die Kunst der Form -, Den Tropfen wandelt sie in den Kristall.

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Illustration zu Vorbeugende Abwehr

Interpretation

Das Gedicht "Vorbeugende Abwehr" von Felix Dahn ist eine Verteidigung gegen mögliche Kritik an seinen eigenen Werken. Der Autor antizipiert Vorwürfe, seine Themen seien unbedeutend und die Beziehungen unverständlich. Er entgegnet, dass auch Kleines und Flüchtiges unter dem Aspekt der Ewigkeit nicht wertlos sei. Kunst solle das Ideale auch im Kleinsten finden und verkünden. Dahn bezieht sich auf Aristoteles, der lehrte, aus Gegebenem das möglichst Schöne und Gute zu bilden. Dies sei des Menschen Vorrecht, Pflicht und Freude. Die Kunst schaffe aus rohem Marmor eine Göttin der Schönheit, aber auch aus Marmorsplittern könne ein kleines Kunstwerk noch entstehen. Diesen "objektiven Idealismus" verfolge er selbst, indem er Alltägliches und Vergängliches durch edle Form adeln, weihen und verewigen wolle.

Schlüsselwörter

kunst form all kleines werthlos kleinsten kann tropfen

Wortwolke

Wortwolke zu Vorbeugende Abwehr

Stilmittel

Alliteration
Kleinlichste verläuft die Dichtung hier
Anspielung
Dem großen Meister Aristoteles
Hyperbel
Die Feuerwehr sogar besingt der Mann!
Kontrast
Sub specie aeterni Betrachtet ist auch Kleines, Flüchtiges Nicht werthlos
Metapher
Der Tropfen Thau, darauf die Sonne scheint, Wird zum Demant und strahlt in höchster Schöne.
Personifikation
Die Sonne scheint
Rhetorische Frage
Was gehen uns All diese Hochzeiten und Taufen an?
Vergleich
Wie Gott nicht nur in den Sternen, - Im kleinsten Blümchen lebt in Feld und Flur