Vorbei
1860Und wenn du wieder zu mir trätest und weinend um Verzeihung bätest, es wird doch nimmer, wie es war: das Glück ist tot, das wir genossen, die Blüte, die sich uns erschlossen, ist nun verwelkt, für immerdar.
Mir würde stets vor Augen stehen, wie ich so maßlos dich gesehen im Zorn, dem jeder Grund gebrach - und bei dem Kuß von deinem Munde gedächt ich doch der bösen Stunde, als er so bittre Worte sprach.
In jener Stunde sank für immer der fromme Glaube mir in Trümmer, daß du mein Bild im Herzen trugst, daß ich dein tiefstes Sein besessen - - - vergeben kann ich - nicht vergessen: die Wunde brennt, die du mir schlugst.
Nein, geh: ich hab es überwunden, den Frieden hab ich jetzt gefunden, den deine Liebe mir nicht gab. Geh hin, vor deinen Gott zu treten - und wenn ich sterbe, magst du beten und weinen über meinem Grab.
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Interpretation
Das Gedicht "Vorbei" von Clara Müller-Jahnke beschäftigt sich mit den Folgen einer zerbrochenen Beziehung und dem Schmerz, der durch den Verrat des Partners entstanden ist. Die lyrische Ich-Erzählerin macht deutlich, dass selbst eine mögliche Rückkehr und Bitte um Verzeihung des Partners die Vergangenheit nicht wiederherstellen kann. Das einst geteilte Glück und die blühende Liebe sind unwiederbringlich verloren, symbolisiert durch die verwelkte Blüte, die für immer verdorrt ist. Die Erzählerin reflektiert über die schmerzhaften Erinnerungen an den Moment des Zorns und der harten Worte, die den Glauben an die tiefe Verbundenheit mit dem Partner zerstört haben. Obwohl sie theoretisch vergeben könnte, ist das Vergessen unmöglich. Die Wunde, die der Partner geschlagen hat, brennt weiterhin in ihr, und die Erinnerung an die böse Stunde begleitet sie auch bei einem möglichen Kuss des Partners. Am Ende des Gedichts zeigt die Erzählerin Stärke und Selbstbewusstsein, indem sie den Frieden gefunden hat, den die Liebe des Partners ihr nicht geben konnte. Sie fordert den Partner auf, zu gehen und vor Gott zu treten, während sie selbst unabhängig und gefestigt ist. Der letzte Vers deutet an, dass der Partner nach ihrem Tod bereuen und um sie trauern mag, aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass die Beziehung für immer vorbei ist und die Erzählerin ohne den Partner weiterleben kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- mir maßlos dich gesehen
- Anapher
- das Glück ist tot, das wir genossen, die Blüte, die sich uns erschlossen
- Hyperbel
- mir würde stets vor Augen stehen
- Kontrast
- vergeben kann ich - nicht vergessen
- Symbolik
- Blüte, die sich uns erschlossen