Vor vierzig Jahren
1844Da gab es doch ein Sehnen, Ein Hoffen und ein Glühn, Als noch der Mond “durch Tränen In Fliederlauben” schien, Als man dem “milden Sterne” Gesellte was da lieb, Und “Lieder in die Ferne” Auf sieben Meilen schrieb!
Ob dürftig das Erkennen, Der Dichtung Flamme schwach, Nur tief und tiefer brennen Verdeckte Gluten nach. Da lachte nicht der leere, Der übersatte Spott, Man baute die Altäre Dem unbekannten Gott.
Und drüber man den Brodem Des liebsten Weihrauchs trug, Lebend’gen Herzens Odem, Das frisch und kräftig schlug, Das schamhaft, wie im Tode, In Traumes Wundersarg Noch der Begeistrung Ode Der Lieb’ Ekloge barg.
Wir höhnen oft und lachen Der kaum vergangnen Zeit, Und in der Wüste machen Wie Strauße wir uns breit. Ist Wissen denn Besitzen? Ist denn Genießen Glück? Auch Eises Gletscher blitzen Und Basiliskenblick.
Ihr Greise, die gesunken Wie Kinder in die Gruft, Im letzten Hauche trunken Von Lieb’ und Ätherduft, Ihr habt am Lebensbaume Die reinste Frucht gepflegt, In karger Spannen Raume Ein Eden euch gehegt.
Nun aber sind die Zeiten, Die überwerten, da, Wo offen alle Weiten, Und jede Ferne nah. Wir wühlen in den Schätzen, Wir schmettern in den Kampf, Windsbräuten gleich versetzen Uns Geistesflug und Dampf.
Mit unsres Spottes Gerten Zerhaun wir was nicht Stahl, Und wie Morganas Gärten Zerrinnt das Ideal; Was wir daheim gelassen Das wird uns arm und klein, Was Fremdes wir erfassen Wird in der Hand zu Stein.
Es wogt von End’ zu Ende, Es grüßt im Fluge her, Wir reichen unsre Hände, - Sie bleiben kalt und leer. - Nichts liebend, achtend wen’ge Wird Herz und Wange bleich, Und bettelhafte Kön’ge Stehn wir im Steppenreich.
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Interpretation
Das Gedicht "Vor vierzig Jahren" von Annette von Droste-Hülshoff reflektiert den Kontrast zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Dichterin beschwört eine Zeit herauf, in der Sehnsucht, Hoffnung und Leidenschaft noch lebendig waren. In dieser nostalgischen Rückschau erscheint die Vergangenheit als eine Zeit reiner, ungebrochener Emotionen und poetischer Begeisterung, in der die Menschen noch fähig waren, Altäre für den "unbekannten Gott" zu errichten und sich der Liebe und der Poesie hinzugeben. In der Gegenwart hingegen herrscht nach Ansicht der Dichterin eine Atmosphäre der Ironie, des Zynismus und der Oberflächlichkeit. Die Menschen haben den Kontakt zu den tieferen Gefühlen und Idealen verloren. Sie wühlen in den Schätzen der Vergangenheit, ohne deren wahren Wert zu erkennen, und verlieren sich in einem Kampf um Wissen und Besitz, der sie letztlich leer und kalt zurücklässt. Die "bettlehafte Könige" in der "Steppe" symbolisieren die Isolation und Einsamkeit in einer Welt, die von Oberflächlichkeit und Egoismus geprägt ist. Die Dichterin beklagt den Verlust der Fähigkeit zu lieben, zu achten und zu fühlen. Die Hände, die sich gereicht werden, bleiben kalt und leer, und die Herzen und Wangen werden bleich vor Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit. Das Gedicht ist eine Klage über den Verlust der Unschuld und der Fähigkeit zu echten Gefühlen in einer Welt, die von Fortschritt und Rationalität geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Lebend'gen Herzens Odem
- Hyperbel
- Und 'Lieder in die Ferne' Auf sieben Meilen schrieb
- Metapher
- Und bettelhafte Kön'ge Stehn wir im Steppenreich
- Personifikation
- Der Dichtung Flamme schwach
- Symbolik
- Dem unbekannten Gott
- Vergleich
- Windsbräuten gleich versetzen