Vor Sonnenaufgang
1863Propheten der Sonne, der Morgen graut! Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen und beklagt euch über die Nachtdünste? Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte, und ihre Flügel funkeln schon! Sie beschämen eure Menschengedanken, ihr Bettler um das ewige Licht; ich hasse eure Art Morgengrauen!
Freilich, in einsamen Nächten, wenn der Gedanke ein Scherflein gilt und die schwärmende Seele Millionen verschenkt, wenn ich mit traumheißen Augen über die Dächer Berlins hin die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe, wenn ich ein schmelzendes Erz bin im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst: ja, dann lieb ich euch alle, möcht euch alle umarmen, helft ihr doch alle uns treiben, alle dem Licht entgegen drängen, dem immer lockenden Licht der Zukunft.
Aber die Zukunft beginnt schon: mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie, und ist da, wenn ihr sie bringt! Propheten der Sonne, was säumt ihr? -
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Interpretation
Das Gedicht "Vor Sonnenaufgang" von Richard Dehmel ist ein lyrisches Werk, das den Übergang von Nacht zu Tag als Metapher für den Übergang von der Dunkelheit des Unbewussten zur Erleuchtung des Bewusstseins nutzt. Der erste Teil des Gedichts kritisiert die "Propheten der Sonne", die den Morgen heraufbeschwören, aber noch zögern. Sie werden als "Nebelschleichen" dargestellt, die sich über die "Nachtdünste" beklagen. Der Dichter fordert sie auf, die Hähne zu hören, die bereits in die "Wolkenröte" krähen und deren Flügel funkeln. Die Hähne symbolisieren hier die Kraft und den Mut, die Dunkelheit zu durchbrechen und das Licht zu begrüßen. Der Dichter drückt seine Abneigung gegen die "Menschengedanken" aus, die er als "Bettler um das ewige Licht" bezeichnet. Im zweiten Teil des Gedichts ändert sich die Stimmung. Der Dichter beschreibt eine einsame Nacht, in der er über die Stadt Berlin nachdenkt. Er sieht die "tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt" in die "glitzernde Ewigkeit aufsteigen". In diesem Moment der Erleuchtung liebt er alle Menschen und möchte sie umarmen. Er erkennt, dass sie alle gemeinsam dem Licht entgegenstreben, dem "immer lockenden Licht der Zukunft". Im letzten Teil des Gedichts wird die Zukunft als gegenwärtig dargestellt. Der Dichter betont, dass die Zukunft mit jedem Tag und jedem Augenblick beginnt und da ist, wenn man sie bringt. Er fordert die "Propheten der Sonne" erneut auf, nicht zu zögern, sondern den Morgen zu begrüßen. Das Gedicht endet mit der Frage "Propheten der Sonne, was säumt ihr? -", die den Leser dazu auffordert, selbst aktiv zu werden und die Zukunft zu gestalten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Propheten der Sonne, der Morgen graut! Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen und beklagt euch über die Nachtdünste?
- Hyperbel
- wenn ich ein schmelzendes Erz bin
- Metapher
- und die schwärmende Seele Millionen verschenkt
- Parallelismus
- möcht euch alle umarmen, helft ihr doch alle uns treiben, alle dem Licht entgegen drängen
- Personifikation
- Sie beschämen eure Menschengedanken
- Rhetorische Frage
- Propheten der Sonne, was säumt ihr?