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Vor Sonnenaufgang

Von

Propheten der Sonne, der Morgen graut!
Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen
und beklagt euch über die Nachtdünste?
Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte,
und ihre Flügel funkeln schon!
Sie beschämen eure Menschengedanken,
ihr Bettler um das ewige Licht;
ich hasse eure Art Morgengrauen!

Freilich, in einsamen Nächten,
wenn der Gedanke ein Scherflein gilt
und die schwärmende Seele Millionen verschenkt,
wenn ich mit traumheißen Augen
über die Dächer Berlins hin
die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt
in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe,
wenn ich ein schmelzendes Erz bin
im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst:
ja, dann lieb ich euch alle,
möcht euch alle umarmen,
helft ihr doch alle uns treiben,
alle dem Licht entgegen drängen,
dem immer lockenden Licht der Zukunft.

Aber die Zukunft beginnt schon:
mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie,
und ist da, wenn ihr sie bringt!
Propheten der Sonne, was säumt ihr? –

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Vor Sonnenaufgang von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Vor Sonnenaufgang“ von Richard Dehmel ist eine kraftvolle Auseinandersetzung mit der menschlichen Trägheit und der Sehnsucht nach Fortschritt und Erneuerung. Es spricht die Erwartung und die Ungeduld an, die mit dem Aufbruch in einen neuen Tag, aber auch mit der Erwartung einer besseren Zukunft verbunden sind. Die „Propheten der Sonne“, also diejenigen, die die Morgendämmerung verkünden, werden zunächst mit scharfen Worten kritisiert, weil sie zögern und sich in Klagen über die Nacht ergehen, anstatt die kommende Helligkeit zu begrüßen.

Die erste Strophe drückt einen tiefen Abscheu vor jenen aus, die sich im Dunklen verbergen, die die Ankunft des Lichts verzögern oder verachten. Die Metaphern „Nebelscheuchen“ und „Bettler um das ewige Licht“ entlarven ihre Passivität und ihren Pessimismus. Die „Hähne“, die mit ihrem Krähen die Ankunft des Morgens ankündigen, dienen als Gegenbeispiel, als Zeichen von Tatkraft und Optimismus. Sie sind die wahren Verkünder des neuen Tages und stellen die scheinbar unentschlossenen Propheten in den Schatten.

In der zweiten Strophe vollzieht sich jedoch eine nuancierte Wendung. Der Sprecher gesteht seine Liebe zu den „Propheten“ in den einsamen Nächten, in denen die Welt in der Dunkelheit versunken ist. In diesen Momenten der Kontemplation, in denen der Verstand zur Ruhe kommt und die Seele zu träumen beginnt, wird die Bedeutung der Dunkelheit und der Erwartung des Lichts erkennbar. Das Bild des „schmelzenden Erzes“ in „glühendem Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst“ deutet auf eine leidenschaftliche Hingabe an die Erwartung und die Hoffnung auf Veränderung hin. Die Metaphern, die hier verwendet werden, verstärken die Idee einer intensiven emotionalen Erfahrung.

Die dritte Strophe ist ein Appell an die Umsetzung der Zukunft. Die Zukunft beginnt nicht erst morgen, sondern jetzt, in jedem Moment. Der Sprecher fordert die Propheten auf, ihre Trägheit abzulegen und aktiv an der Gestaltung dieser Zukunft mitzuwirken. Der letzte Vers, die rhetorische Frage „Propheten der Sonne, was säumt ihr?“, unterstreicht die Dringlichkeit und die Ungeduld, die das Gedicht durchziehen. Es ist eine Aufforderung zur Handlung, zur Überwindung von Pessimismus und zur aktiven Gestaltung einer besseren Zukunft. Das Gedicht ist somit ein Plädoyer für das aktive Handeln und die Erkenntnis, dass die Zukunft schon im Hier und Jetzt beginnt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.