Von der Zeit
1883Mein Haus sagte zu mir: “Verlaß mich nicht, denn hier wohnt deine Vergangenheit”. Und die Straße sagte zu mir: “Komm und folge mir, denn ich bin deine Zukunft”. Und ich sage zu beiden, zu meinem Haus und zu der Straße: “Ich habe weder Vergangenheit, noch habe ich Zukunft. Wenn ich hier bleibe, ist ein Gehen in meinem Verweilen; und wenn ich gehe, ist ein Verweilen in meinem Gang. Nur Liebe und Tod ändern die Dinge.”
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Interpretation
Das Gedicht "Von der Zeit" von Khalil Gibran ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit der Zeit und die menschliche Existenz. Es beginnt mit einem Dialog zwischen dem Sprecher und seinem Haus, das ihn auffordert, zu bleiben, da es seine Vergangenheit beherbergt. Gleichzeitig ruft die Straße den Sprecher auf, ihr zu folgen, da sie seine Zukunft darstellt. Dieser Kontrast zwischen Vergangenheit und Zukunft symbolisiert die Zerrissenheit des menschlichen Lebens zwischen dem Festhalten am Gewesenen und dem Streben nach dem Kommenden. Der Sprecher jedoch lehnt beide Angebote ab und behauptet, weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft zu besitzen. Stattdessen betont er, dass selbst im Verweilen eine Form des Gehens und im Gehen eine Form des Verweilens liegt. Dies deutet darauf hin, dass die Zeit nicht linear verläuft, sondern dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem kontinuierlichen Fluss miteinander verbunden sind. Die Worte des Sprechers spiegeln die Vorstellung wider, dass das Leben ein ständiger Wandel ist, in dem jede Phase mit der nächsten verwoben ist. Abschließend bringt der Sprecher zum Ausdruck, dass nur Liebe und Tod die Fähigkeit haben, Dinge wirklich zu verändern. Liebe und Tod sind universelle Erfahrungen, die das menschliche Leben tiefgreifend beeinflussen und transformieren. Sie sind die einzigen Konstanten, die in der Lage sind, die Struktur der Zeit und des Daseins zu durchbrechen und eine echte Veränderung herbeizuführen. Somit endet das Gedicht mit einer philosophischen Betrachtung über die Natur der Zeit und die wesentlichen Elemente, die das menschliche Leben prägen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Antithese
- Mein Haus sagte zu mir: "Verlaß mich nicht, denn hier wohnt deine Vergangenheit". Und die Straße sagte zu mir: "Komm und folge mir, denn ich bin deine Zukunft"
- Kontrast
- Ich habe weder Vergangenheit, noch habe ich Zukunft
- Paradoxon
- Wenn ich hier bleibe, ist ein Gehen in meinem Verweilen; und wenn ich gehe, ist ein Verweilen in meinem Gang
- Parallelismus
- Ich habe weder Vergangenheit, noch habe ich Zukunft
- Personifikation
- Mein Haus sagte zu mir: "Verlaß mich nicht, denn hier wohnt deine Vergangenheit" und die Straße sagte zu mir: "Komm und folge mir, denn ich bin deine Zukunft"