Von der Poesie

Christian Friedrich Hunold

1691

Die Poesie gieng einst spatzieren/ Und traf die Lust/ Verstand und Weißheit an/ Sie hörte sie den schärfsten Wort-Streit führen/ Wem wohl die Welt am meisten unterthan. Die Lust sprach: Ich beseele sie; Vor meinem Pfeil entflieht ein Hertze nie. Doch wandte der Verstand hier ein: Mein Scepter prangt: wo rechte Menschen seyn. Und ich kan mich verehret sehen/ So gab die Weißheit drauf/ Wo Seelen nach dem Himmel gehen. Geliebte/ höret auf/ So sprach die Poesie/ kommt/ ich will euch entscheiden: Mein Reich kan euch zusammen leiden Doch seyd ihr nicht zusammen wohl vergnügt/ Nun wohl/ so sey es so gefügt: Zehn Jahre soll das Reich geschickter Lust gebühren/ Und zwantzig der Verstand das kluge Scepter führen/ Die Weißheit trägt der Crone Kostbarkeit Auch ohngefehr so lange Zeit. Ach edle Poesie! so sprachen sie zugleich/ So sind wir wohl vergnügt/ drauf theilten sie das Reich Auch unter sich/ und ohne streiten/ Und zwar in die vier Jahres Zeiten: Die Sinnen reiche Lust nahm erst den Frühlings-Schein/ Den Sommer der Verstand/ den Herbst die Weißheit ein. Mein Leser/ fragst du nun/ wo doch der Winter bleibt? Matz Tasche sitzet da erfroren: Da herrschen zwey bekandte Thoren: Der übel von mir spricht/ und üble Verße schreibt.

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Illustration zu Von der Poesie

Interpretation

Das Gedicht "Von der Poesie" von Christian Friedrich Hunold erzählt von einem Spaziergang der Poesie, bei dem sie auf die Lust, den Verstand und die Weisheit trifft, die in einem Streit um die Herrschaft über die Welt verwickelt sind. Die Lust behauptet, die Herzen der Menschen zu beherrschen, der Verstand verweist auf seinen Einfluss auf die Menschen, und die Weisheit beansprucht die Seelen, die zum Himmel streben. Die Poesie schlichtet den Streit, indem sie jedem der drei ein Zeitfenster zur Herrschaft über die Welt zuweist: zehn Jahre der Lust, zwanzig Jahre des Verstandes und eine ähnliche Zeitspanne der Weisheit. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass die Poesie als Vermittlerin und Schlichterin zwischen den verschiedenen menschlichen Eigenschaften und Bestrebungen fungiert. Sie ermöglicht es, dass diese unterschiedlichen Aspekte des menschlichen Seins in einem harmonischen Gleichgewicht koexistieren können. Die Poesie selbst wird als ein Reich dargestellt, das alle diese Elemente zusammenhält und ihnen einen gemeinsamen Raum gibt. Die Aufteilung der Herrschaft über die Welt auf die vier Jahreszeiten symbolisiert die zyklische Natur des Lebens und der menschlichen Erfahrungen. Die Lust dominiert im Frühling, der Verstand im Sommer, die Weisheit im Herbst und der Winter bleibt den "zween bekandten Thoren" vorbehalten, die das Gedicht kritisiert. Dies könnte als eine satirische Anspielung auf diejenigen verstanden werden, die die Poesie und ihre Vermittlerrolle nicht zu schätzen wissen.

Schlüsselwörter

lust verstand weißheit poesie reich führen sprach scepter

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Den schärfsten Wort-Streit führen
Metapher
Da herrschen zwey bekandte Thoren
Personifikation
Matz Tasche sitzet da erfroren