Von der Freude und dem Leid
1923Eure Freude ist euer Leid ohne Maske. Und derselbe Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt, war oft von euren Tränen erfüllt. Und wie könnte es anders sein? je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt, desto mehr Freude könnt ihr erfassen. Ist nicht der Becher, der euren Wein enthält, dasselbe Gefäß, das im Ofen des Töpfers gebrannt wurde? Und ist nicht die Laute, die euren Geist besänftigt, dasselbe Holz, das mit Messern ausgehöhlt wurde? Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet finden, daß nur das, was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt. Wenn ihr traurig seid, schaut wieder in eure Herzen, und ihr werdet sehen, daß die Wahrheit um das weint, was euch Vergnügen bereitet hat. Einige von euch sagen:“Freude ist größer als Leid”. Und andere sagen:“Nein, Leid ist größer”. Aber ich sage euch, sie sind untrennbar. Sie kommen zusammen, und wenn einer alleine mit euch am Tisch sitzt, denkt daran, daß der andere auf eurem Bett schläft. Wahrhaftig, wie die Schalen einer Waage hängt ihr zwischen eurem Leid und eurer Freude. Nur wenn ihr leer seid, steht ihr still und im Gleichgewicht. Wenn der Schatzhalter euch hochhebt, um sein Gold und sein Silber zu wiegen, muß entweder eure Freude oder euer Leid steigen oder fallen.
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Interpretation
Das Gedicht "Von der Freude und dem Leid" von Khalil Gibran ist eine tiefgründige Reflexion über die untrennbare Verbindung zwischen Freude und Leid im menschlichen Leben. Gibran betont, dass Freude und Leid zwei Seiten derselben Medaille sind und dass eines ohne das andere nicht existieren kann. Er verwendet Metaphern wie den Brunnen, der sowohl Lachen als auch Tränen hervorbringt, und den Becher, der im Ofen gebrannt wurde, um zu verdeutlichen, dass die Erfahrungen von Freude und Leid oft aus denselben Quellen stammen und sich gegenseitig bedingen. In der zweiten Hälfte des Gedichts geht Gibran auf die Idee ein, dass Freude und Leid wie die Schalen einer Waage sind, die im Gleichgewicht gehalten werden. Er argumentiert, dass man nur dann wirklich still und ausgeglichen sein kann, wenn man leer ist, frei von den Lasten der Freude und des Leids. Wenn man jedoch mit den Schätzen des Lebens beladen ist, muss entweder die Freude oder das Leid steigen oder fallen, was die ständige Fluktuation zwischen den beiden Zuständen verdeutlicht. Gibran schließt mit der Feststellung, dass Freude und Leid untrennbar sind und zusammenkommen, auch wenn einer von ihnen im Vordergrund zu stehen scheint. Er ermutigt den Leser, tief in sein Herz zu schauen, um zu erkennen, dass das, was einem Leid bereitet hat, auch Freude bringen kann, und umgekehrt. Das Gedicht ist eine Erinnerung daran, dass das Leben aus einem komplexen Geflecht von Emotionen besteht und dass die Akzeptanz und das Verständnis dieser Dualität zu einem tieferen Verständnis des menschlichen Daseins führen können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet finden, daß nur das, was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt
- Kontrast
- Einige von euch sagen:'Freude ist größer als Leid'. Und andere sagen:'Nein, Leid ist größer'
- Metapher
- Nur wenn ihr leer seid, steht ihr still und im Gleichgewicht
- Parallelismus
- Und derselbe Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt, war oft von euren Tränen erfüllt
- Rhetorische Frage
- Und wie könnte es anders sein?