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Von der Ehe

Von

Ihr wurdet zusammen geboren,
und ihr werdet auf immer zusammen sein.
Ihr werdet zusammen sein,
wenn die weissen Flügel des Todes eure Tage scheiden.
Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen sein.
Aber lasst Raum zwischen euch.
Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.
Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:
Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein.
Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.
Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.
Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch allein sein,
So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern.
Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderern Obhut.
Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.
Und steht zusammen, doch nicht zu nah:
Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,
Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.

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Gedicht: Von der Ehe von Khalil Gibran

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Von der Ehe“ von Khalil Gibran ist eine poetische Reflexion über die wahre Natur der Ehe, die weit über die bloße Vereinigung zweier Menschen hinausgeht. Es präsentiert eine tiefe philosophische Sichtweise, die die Bedeutung von Individualität, Freiheit und gegenseitiger Unterstützung innerhalb einer Beziehung hervorhebt. Das Gedicht lehnt die Vorstellung von Besitzansprüchen und Verschmelzung ab und plädiert stattdessen für eine Ehe, die auf Respekt, gegenseitiger Inspiration und dem Bewusstsein der getrennten Identitäten der Partner basiert.

Der Autor verwendet eine Vielzahl von Metaphern, um seine Botschaft zu vermitteln. Die zentrale Metapher des „Raums“ zwischen den Partnern deutet auf die Notwendigkeit von persönlicher Freiheit und Autonomie hin. So wie die Winde des Himmels zwischen ihnen tanzen, sollten auch die Partner in der Lage sein, ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen zu pflegen, ohne durch die Erwartungen oder Beschränkungen der Ehe erdrückt zu werden. Gibran ermutigt dazu, die Liebe nicht als Fessel, sondern als ein „wogendes Meer“ zu sehen, das beide Ufer der Seele verbindet.

Der Text betont auch die Bedeutung der gegenseitigen Unterstützung und des Gebens innerhalb der Ehe. Die Partner sollen einander den „Becher füllen“ und „vom Brot geben“, was auf die Notwendigkeit der gegenseitigen Versorgung und des Teilens hindeutet. Gleichzeitig warnt Gibran davor, die eigene Individualität aufzugeben: „Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch allein sein.“ Das Bild der Saiten einer Laute, die allein sind, aber von derselben Musik erzittern, unterstreicht das Zusammenspiel von Individualität und Verbundenheit, das für eine harmonische Beziehung unerlässlich ist.

Die abschließende Metapher der Tempelsäulen und der Bäume verdeutlicht die Notwendigkeit, dass jeder Partner seine eigene Stärke und seinen eigenen Weg hat. Die Säulen stehen für sich, ebenso wie die Eiche und die Zypresse nicht im Schatten der anderen wachsen. Dies unterstreicht die Botschaft, dass eine gesunde Ehe das Wachstum und die Entwicklung beider Partner fördert, ohne dass einer den anderen daran hindert, seine eigene Persönlichkeit und sein Potenzial zu entfalten. Gibrans Gedicht ist somit eine Ode an eine Ehe, die auf gegenseitigem Respekt, Freiheit und dem Streben nach individueller und gemeinsamer Erfüllung basiert.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.