Von der Ehe
1923Ihr wurdet zusammen geboren, und ihr werdet auf immer zusammen sein. Ihr werdet zusammen sein, wenn die weissen Flügel des Todes eure Tage scheiden. Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen sein. Aber lasst Raum zwischen euch. Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen. Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel: Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein. Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher. Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib. Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch allein sein, So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern. Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderern Obhut. Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen. Und steht zusammen, doch nicht zu nah: Denn die Säulen des Tempels stehen für sich, Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.
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Interpretation
Das Gedicht "Von der Ehe" von Khalil Gibran thematisiert die tiefe Verbundenheit und das gemeinsame Schicksal zweier Menschen, die in der Ehe vereint sind. Es betont, dass die Verbindung über das irdische Leben hinausreicht und sogar im "stummen Gedenken Gottes" Bestand hat. Gleichzeitig warnt Gibran davor, sich in der Liebe zu verlieren und die Individualität des anderen zu unterdrücken. Er fordert dazu auf, Raum für persönliche Entfaltung und Freiheit innerhalb der Beziehung zu lassen. Das Gedicht verwendet eindrucksvolle Bilder, um die Balance zwischen Nähe und Distanz zu veranschaulichen. Die Liebe wird als "wogendes Meer" zwischen den Seelen beschrieben, was ihre Tiefe und Kraft unterstreicht, gleichzeitig aber auch ihre Grenzen aufzeigt. Die Metapher der Laute verdeutlicht, dass zwei Menschen zwar harmonisch zusammenwirken können, aber dennoch eigenständig bleiben müssen, um ihren eigenen Klang zu bewahren. Abschließend betont Gibran die Wichtigkeit von Individualität und Selbstständigkeit innerhalb der Ehe. Er vergleicht die Partner mit Säulen eines Tempels und mit Eiche und Zypresse, die nebeneinander wachsen, ohne sich gegenseitig zu beschatten. Dieses Bild unterstreicht, dass eine gesunde Beziehung auf gegenseitigem Respekt, Unterstützung und dem Erlauben von persönlichem Wachstum beruht, anstatt auf Abhängigkeit und Verschmelzung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen
- Gegensatz
- Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib
- Metapher
- Die Säulen des Tempels stehen für sich
- Parallelismus
- Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher
- Personifikation
- Lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen
- Symbolik
- Die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen
- Vergleich
- So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern