Vom Tode

Christian Fürchtegott Gellert

1731

Meine Lebenszeit verstreicht, Stündlich eil ich zu dem Grabe; Und was ist’s, das ich vielleicht, Das ich noch zu leben habe? Denk, o Mensch! an deinen Tod. Säume nicht; denn eins ist not.

Lebe, wie du, wenn du stirbst, Wünschen wirst, gelebt zu haben. Güter, die du hier erwirbst, Würden, die dir Menschen gaben; Nichts wird dich im Tod erfreun; Diese Güter sind nicht dein.

Nur ein Herz, das Gutes liebt, Nur ein ruhiges Gewissen, Das vor Gott dir Zeugnis gibt, Wird dir deinen Tod versüßen; Dieses Herz, von Gott erneut, Ist des Todes Freudigkeit.

Wenn in deiner letzten Not Freunde hülflos um dich beben: Dann wird über Welt und Tod Dich dies reine Herz erheben; Dann erschreckt dich kein Gericht; Gott ist deine Zuversicht.

Daß du dieses Herz erwirbst, Fürchte Gott, und bet und wache. Sorge nicht, wie früh du stirbst; Deine Zeit ist Gottes Sache. Lern nicht nur den Tod nicht scheun, Lern auch seiner dich erfreun.

Überwind ihn durch Vertraun, Sprich: Ich weiß, an wen ich gläube, Und ich weiß, ich werd ihn schaun Einst in diesem meinem Leibe. Er, der rief: Es ist vollbracht! Nahm dem Tode seine Macht.

Tritt im Geist zum Grab oft hin, Siehe dein Gebein versenken; Sprich: Herr, daß ich Erde bin, Lehre du mich selbst bedenken; Lehre du mich’s jeden Tag, Daß ich weiser werden mag!

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Illustration zu Vom Tode

Interpretation

Das Gedicht "Vom Tode" von Christian Fürchtegott Gellert thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Es appelliert an den Menschen, sich stets seiner Sterblichkeit bewusst zu sein und ein tugendhaftes Leben zu führen. Der Tod wird als eine unaufhaltsame Kraft dargestellt, die das Leben stündlich näher rückt. Gellert betont, dass materielle Güter und weltliche Freuden im Angesicht des Todes bedeutungslos werden. Stattdessen sei ein reines Herz, das Gutes liebt, und ein ruhiges Gewissen vor Gott die einzigen Quellen des Trostes und der Freude im Sterben. Der Dichter fordert den Leser auf, so zu leben, wie er sich wünschen wird, gelebt zu haben, wenn er stirbt. Er ermutigt dazu, Gott zu fürchten, zu beten und wachsam zu sein, um ein solches Herz zu erlangen. Gellert beruhigt den Leser, dass die Zeit des Lebens in Gottes Hand liegt und man sich nicht sorgen soll, wie früh man stirbt. Er vermittelt die Hoffnung, dass durch das Vertrauen in Gott der Tod überwunden werden kann, da Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung dem Tod seine Macht genommen hat. Im letzten Teil des Gedichts regt Gellert an, oft im Geiste zum Grab zu treten und über die eigene Sterblichkeit nachzudenken. Er bittet Gott, ihn daran zu erinnern, dass er aus Staub gemacht ist und lehrt ihn, diese Erkenntnis täglich zu bedenken, um weiser zu werden. Das Gedicht schließt mit einem Gebet um Demut und Weisheit im Angesicht des Todes und ermutigt dazu, sich auf das ewige Leben bei Gott vorzubereiten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Meine Lebenszeit verstreicht, Stündlich eil ich zu dem Grabe; Und was ist's, das ich vielleicht, Das ich noch zu leben habe?
Apostrophe
Denk, o Mensch! an deinen Tod.
Hyperbel
Und was ist's, das ich vielleicht, Das ich noch zu leben habe?
Metapher
Nur ein Herz, das Gutes liebt, Nur ein ruhiges Gewissen
Personifikation
Güter, die du hier erwirbst, Würden, die dir Menschen gaben
Rhetorische Frage
Und was ist's, das ich vielleicht, Das ich noch zu leben habe?
Symbol
Lehre du mich's jeden Tag, Daß ich weiser werden mag!