Vom Staatskalender

Theodor Storm

1852

1

Die Tochter spricht:

»Ach, die kleine Kaufmannstochter, Wie das Ding sich immer putzt! Fehlt nur, daß mit unsereinem Sie sich noch vertraulich duzt.

Setzt sich, wo wir auch erscheinen, Wie von selber nebenbei; Präsidentens könnten meinen, Daß es heiße Freundschaft sei.

Und es will sich doch nicht schicken, Daß man so mit jeder geht, Seit Papa im Staatskalender In der dritten Klasse steht.

Hat Mama doch auch den Diensten Anbefohlen klar und hell, Fräulein hießen wir jetzunder, Fräulein, und nicht mehr Mamsell.

Ach, ein kleines bißchen adlig, So ein bißchen - glaub, wir sind′s! Morgen in der goldnen Kutsche Holt uns ein verwünschter Prinz!«

2

Ein Golem

Ihr sagt, es sei ein Kämmerer, Ein schöner Staatskalenderer; Doch sieht denn nicht ein jeder, Daß er genäht aus Leder?

Kommt nur der rechte Regentropf Und wäscht die Nummer ihm vom Kopf, So ruft gewiß ein jeder: Herrgott, ein Kerl von Leder!

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Illustration zu Vom Staatskalender

Interpretation

Das Gedicht "Vom Staatskalender" von Theodor Storm ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird eine Tochter zitiert, die sich über eine Kaufmannstochter beschwert, die sich zu sehr in den Vordergrund drängt und sich mit ihrer Familie anfreundet. Die Tochter betont, dass ihr Vater im Staatskalender in der dritten Klasse steht und dass ihre Mutter den Dienstboten klargemacht hat, dass sie jetzt Fräulein und nicht mehr Mamsell genannt werden sollen. Sie träumt davon, eines Tages von einem Prinzen in einer goldenen Kutsche abgeholt zu werden. Im zweiten Teil des Gedichts wird ein Golem beschrieben, der als Kämmerer oder Staatskalenderer bezeichnet wird. Der Golem wird jedoch als aus Leder genäht beschrieben, und es wird angedeutet, dass er nur eine Nummer auf dem Kopf hat. Wenn der richtige Regentropfen diese Nummer abwäscht, wird jeder erkennen, dass es sich um einen "Kerl von Leder" handelt. Das Gedicht kritisiert die Oberflächlichkeit und den Hang zur Angeberei in der Gesellschaft. Es zeigt, wie Menschen versuchen, ihren sozialen Status zu verbessern und wie sie andere nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilen. Der Golem symbolisiert die Künstlichkeit und Leere solcher Bestrebungen.

Schlüsselwörter

jeder fräulein bißchen leder tochter spricht kleine kaufmannstochter

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Stilmittel

Bildsprache
Kommt nur der rechte Regentropf Und wäscht die Nummer ihm vom Kopf,
Hyperbel
Morgen in der goldnen Kutsche Holt uns ein verwünschter Prinz!
Ironie
»Ach, die kleine Kaufmannstochter, Wie das Ding sich immer putzt! Fehlt nur, daß mit unsereinem Sie sich noch vertraulich duzt.«
Metapher
Daß er genäht aus Leder?
Personifikation
Setzt sich, wo wir auch erscheinen, Wie von selber nebenbei;