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Vom Reden

Von

Ihr redet wenn ihr aufhört,
mit euren Gedanken in Frieden zu sein;
Und wenn ihr nicht länger in der Einsamkeit eures Herzens verweilen könnt,
lebt ihr mit euren Lippen,
und das Wort ist euch Ablenkung und Zeitvertreib.
In vielen eurer Gespräche wird das Denken halb ermordet.
Denn der Gedanke ist ein Vogel,
der Raum braucht und in einem Käfig von Worten zwar seine Flügel ausbreiten,
aber nicht fliegen kann.
Es sind welche unter euch, die den Redseligen suchen,
weil sie Angst haben, allein zu sein.
Die Stille des Alleinseins offenbart ihren Augen ihr nacktes Ich,
und sie möchten flüchten.
Und es sind welche unter euch,
die reden und dabei ohne Wissen oder Absicht eine Wahrheit aufdecken,
die sie selber nicht verstehen.
Und wieder andere haben die Wahrheit in sich,
aber drücken sie nicht in Worten aus.
In der Brust solcher Menschen weilt der Geist in rhythmischer Stille.

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Gedicht: Vom Reden von Khalil Gibran

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Vom Reden“ von Khalil Gibran ist eine Reflexion über die Natur der Sprache und ihre Beziehung zum Denken und zur inneren Wahrheit. Gibran, bekannt für seine mystische und philosophische Poesie, untersucht hier die ambivalente Rolle des Sprechens als Ausdrucksform, aber auch als mögliche Ablenkung von der inneren Einkehr und dem wahren Verständnis. Das Gedicht hinterfragt die Motive, warum Menschen sprechen, und legt nahe, dass wahre Erkenntnis oft in der Stille zu finden ist.

Gibran beginnt mit der Feststellung, dass das Reden oft entsteht, wenn Menschen inneren Frieden verloren haben. Es dient dann als Mittel, um die Stille des eigenen Herzens zu füllen, eine Ablenkung von der Einsamkeit und der Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken. Die Metapher vom „halb ermordeten Denken“ in Gesprächen unterstreicht, wie oberflächliches oder unüberlegtes Sprechen das tiefere, komplexere Denken ersticken kann. Der „Vogel“, der im „Käfig von Worten“ zwar seine Flügel ausbreiten, aber nicht fliegen kann, symbolisiert die Begrenzung, die Sprache dem freien Fluss der Gedanken auferlegen kann.

Das Gedicht beleuchtet auch die Angst vor dem Alleinsein als Motiv des Redens. Menschen suchen die Gesellschaft anderer, weil sie die Konfrontation mit sich selbst scheuen. Die „Stille des Alleinseins“ enthüllt das „nackte Ich“, was suggeriert, dass die Ruhe der Einsamkeit eine ehrliche Begegnung mit der eigenen Seele ermöglicht, die jedoch als beängstigend empfunden werden kann. Diese Beobachtung wirft die Frage nach der Authentizität der Kommunikation auf: Wie oft wird gesprochen, um zu verbergen, anstatt zu offenbaren?

Schließlich hebt Gibran die paradoxe Natur der Sprache hervor, indem er feststellt, dass Menschen manchmal „ohne Wissen oder Absicht eine Wahrheit aufdecken“, die sie selbst nicht verstehen. Dies deutet darauf hin, dass das Unterbewusstsein oder eine höhere Weisheit durch Sprache zum Ausdruck gebracht werden kann, auch wenn der Redende sich dessen nicht bewusst ist. Das Gedicht endet mit einer Hommage an diejenigen, die die Wahrheit in sich tragen und sie nicht in Worten aussprechen, sondern in „rhythmischer Stille“ bewahren. Hier wird die Stille als der Ort der wahren Erkenntnis und spirituellen Tiefe gefeiert, wo der Geist frei atmen und zur Ruhe kommen kann.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.