Vom Reden
1923Ihr redet wenn ihr aufhört, mit euren Gedanken in Frieden zu sein; Und wenn ihr nicht länger in der Einsamkeit eures Herzens verweilen könnt, lebt ihr mit euren Lippen, und das Wort ist euch Ablenkung und Zeitvertreib. In vielen eurer Gespräche wird das Denken halb ermordet. Denn der Gedanke ist ein Vogel, der Raum braucht und in einem Käfig von Worten zwar seine Flügel ausbreiten, aber nicht fliegen kann. Es sind welche unter euch, die den Redseligen suchen, weil sie Angst haben, allein zu sein. Die Stille des Alleinseins offenbart ihren Augen ihr nacktes Ich, und sie möchten flüchten. Und es sind welche unter euch, die reden und dabei ohne Wissen oder Absicht eine Wahrheit aufdecken, die sie selber nicht verstehen. Und wieder andere haben die Wahrheit in sich, aber drücken sie nicht in Worten aus. In der Brust solcher Menschen weilt der Geist in rhythmischer Stille.
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Interpretation
Das Gedicht "Vom Reden" von Khalil Gibran kritisiert die oberflächliche Natur des menschlichen Gesprächs. Es legt dar, dass Menschen oft reden, um ihre innere Unruhe zu übertönen und der Einsamkeit zu entfliehen. Das Reden wird als Ablenkung dargestellt, die das tiefe Nachdenken unterbricht und Gedanken in einen "Käfig aus Worten" sperrt, ohne ihnen die Freiheit des Fluges zu gewähren. Gibran beschreibt zwei Arten von Menschen: jene, die aus Angst vor der Einsamkeit ständig reden, und jene, die unabsichtlich Wahrheiten offenbaren, die sie selbst nicht verstehen. Er kontrastiert diese mit den Menschen, die die Wahrheit in sich tragen, aber schweigen, wobei ihr Geist in einer "rhythmischen Stille" verweilt. Dies deutet auf eine tiefere, authentischere Form des Verstehens hin, die nicht auf Worte angewiesen ist. Abschließend lädt das Gedicht zur Reflexion über die Qualität unserer Kommunikation ein. Es fordert dazu auf, die Stille zu schätzen und die Worte bewusster zu wählen, um echte Gedanken und Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen, anstatt nur leere Ablenkung zu bieten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- In vielen eurer Gespräche wird das Denken halb ermordet
- Metapher
- Denn der Gedanke ist ein Vogel, der Raum braucht und in einem Käfig von Worten zwar seine Flügel ausbreiten, aber nicht fliegen kann.
- Personifikation
- Ihr redet wenn ihr aufhört, mit euren Gedanken in Frieden zu sein
- Symbolik
- Die Stille des Alleinseins offenbart ihren Augen ihr nacktes Ich