Vom Mäuslein
1812Die Köchin spricht zum Koch: “Fang mir das Mäuslein doch!” Es ist nichts sicher in Küch und Keller, nicht in der Schüssel, nicht auf dem Teller. Wo′s was riecht, da ist es gleich, wo′s was kriegt, da frißt es gleich; wo ein Braten dampft, kommt das Mäuslein und mampft. Unter der Bank in den Küchenschrank hat es gebissen ein Loch. Koch, fang mir das Mäuslein doch, und jag es wieder aus dem Haus, in das freie Feld hinaus. Da macht der Koch ein Gesicht, und spricht: “Mäuslein, Mäuslein, bleib in deinem Häuslein! Nimm dich in acht heut nacht; mach kein Geräusch und stiehl nicht mehr das Fleisch: Sonst wirst du gefangen und aufgehangen.” Der Koch aber deckt zu alle Schüsseln und stellt die Falle hinten im Eck und tut hinein den Speck. Sperrt die Küche zu, geht und legt sich zur Ruh. Das Mäuslein aber ist ruhig, und wispert leis: das tu ich! Aber es hat nicht lang gedauert, so kommt schon das Mäuslein und lauert. Und sagt: wie riecht der Speck so gut, wer weiß, ob′s doch was tut? Nur ein wenig möcht ich beißen, nur ein wenig möcht ich speisen. Einmal ist keinmal! So spricht fein Mäuslein und schleicht, bis es die Falle erreicht. Duckt sich und buckt sich, schmiegt sich und biegt sich ins Eck, und ergötzt sich am Speck. Reißt, beißt und speist. Platsch, tut′s einen Knall und - - - zu ist die Fall! Das Mäuslein zittert vor Schrecken und möcht sich verstecken. Aber, so es will hinaus, ist zugesperrt das Haus. Es pfeift und zappelt, es kneift und krabbelt. Überall ist ein Gitter, und das ist bitter. Überall ist ein Draht, und das ist schad. Leider, leider kann′s Mäuslein nimmer weiter; wär′s nur gewesen gescheiter! Unterdessen wird es Morgen, da kommt die Köchin und will besorgen den Kaffee und den Tee. Da sieht sie denn, was vorgegangen, und wie das Mäuslein ist gefangen. Ganz leis sacht schleicht sie hin und lacht: haben wir endlich doch erhascht das Mäuslein, das immer von allem genascht. Siehst du: Einmal ist nicht keinmal. Wärst du geblieben in deinem Loch, gefangen hätte dich nicht der Koch!
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Interpretation
Das Gedicht "Vom Mäuslein" von Friedrich Wilhelm Güll handelt von einer Maus, die in der Küche eines Hauses für Unruhe sorgt und vom Koch gefangen werden soll. Die Köchin bittet den Koch, das Mäuslein zu fangen, da es in der Küche und im Keller alles durchwühlt und angefressen hat. Der Koch versucht, die Maus mit einer Falle zu fangen, in die er Speck legt. Die Maus jedoch lässt sich nicht abschrecken und schleicht sich nachts in die Küche, um sich am Speck zu erfreuen. Dabei wird sie jedoch von der Falle erwischt und gefangen. Sie versucht verzweifelt zu entkommen, aber es gibt kein Entrinnen. Am nächsten Morgen kommt die Köchin in die Küche und findet die gefangene Maus. Sie lacht und ist froh, dass sie das Mäuslein endlich gefangen haben. Das Gedicht endet mit einer moralischen Lektion: "Einmal ist nicht keinmal" - wer einmal etwas tut, wird es nicht zum letzten Mal tun. Hätte die Maus in ihrem Loch geblieben, wäre sie nicht vom Koch gefangen worden. Das Gedicht verdeutlicht die Konsequenzen von Gier und Unvorsichtigkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Koch, fang mir das Mäuslein doch
- Anapher
- wo's was riecht, da ist es gleich, wo's was kriegt, da frißt es gleich
- Enjambement
- Und ergötzt sich am Speck. Reißt, beißt und speist. Platsch, tut's einen Knall und - - - zu ist die Fall!
- Ironie
- Einmal ist keinmal! So spricht fein Mäuslein und schleicht, bis es die Falle erreicht
- Kontrast
- Sperrt die Küche zu, geht und legt sich zur Ruh
- Metapher
- Wo ein Braten dampft, kommt das Mäuslein und mampft
- Personifikation
- Das Mäuslein aber ist ruhig, und wispert leis: das tu ich!
- Reim
- Mäuslein, Häuslein
- Vergleich
- Und sagt: wie riecht der Speck so gut, wer weiß, ob's doch was tut?
- Wiederholung
- Mäuslein, Mäuslein