Vom Harze

Ferdinand Freiligrath

1844

O stille, graue Frühe! Die Blätter flüstern sacht; der Hirsch hat seine Kühe Zum Waldrand schon gebracht. Zum Waldrand in die Saaten! Da steht und stampft er schon! Im Busch ruhn die Kossathen, Der Vater und sein Sohn.

Der Alte wiegt in Händen Den rost’gen Flintenlauf! “Ein Hirsch von vierzehn Enden! Kerl, Schwerenot, halt drauf!” Der junge drückt - ein Knallen! Das heiß’ ich gute Birsch! Sie sehn zur Erde fallen Den vierzehnend’gen Hirsch!

Fortstieben rings die Kühe - Der Alte ruft: “O Glück!” Stürzt vor und stemmt die Knie Auf das erlegte Stück. “Ei, Bursch, du zieltest wacker! Sieh selber - grad aufs Blatt! Gott segn’ es unserm Acker - Der frißt sich nicht mehr satt!

Dem ist kein Korn mehr nütze, Der biegt kein Hälmlein mehr, Der - nun, was gaffst du, Fritze? Rasch! Gib die Stricke her! So - Fuß an Fuß gebunden! Fühl doch, er wird schon kalt!” - Da ritt mit Volk und Hunden der Förster aus dem Wald.

Hilf Gott, der kennt die Schliche! Nun gilt’s! Aufspringt das Paar, Reißt aus und läßt im Stiche die Doppelläufe gar! Der Förster bleibt nicht hinten, Nachruft er: “Steh, Gezücht, Was helfen mir die Flinten, Hab ich die Schützen nicht?”

Umsonst! - Da rasch zur Wange hebt er der Büchse Wucht! Zielt - kalt und fest und lange! Was - Menschen? - Auf der Flucht? Gleichviel! Er drückt - ein Knallen! Hallo, das heiß ich Glück! Den Alten sieht er fallen - Er traf ihn ins Genick!

In seiner eignen Gerste Daliegt der knochige Mann; Als ob das Herz ihm berste, Aufstöhnt er dann und wann! Sein Blut, dem Wams entquollen, Rinnt ab in Furch’ und Spur; warm sickert’s durch die Schollen - Was denkt die Lerche nur?

Sie sitzt im stillen Neste - Da schießt das Blut herein! Aufschwirrt sie gleich zur Feste, Blut an den Flügelein! Sie läßt vor Gott es blitzen Im ersten Sonnenblick, Sprengt auf die Halmenspitzen Es schmetternd dann zurück!

Das ist ein kräftiger Regen, Das ist ein kostbar Sprüh’n! Das ist ein Lerchensegen, Der macht die Saaten grün! Der tropft auch auf den Jungen, Der hinrast übers Feld Und heulend dann umschlungen den toten Vater hält!

Fort, Bursch! Was noch umklammern Die starre Mannsgestalt! Fort nun, und laß dein Jammern - “Fühl doch, er wird schon kalt!” Zurück vom blauen Munde mit deinem rothen! - Sieh’, ankeuchen schon die Hunde - Herrgott, zum “Halali”!

Stracks ruhn auf einem Karren Der Hirsch und auch der Mann! Zum Roth- und Schwarzwildscharren Fortgeht es durch den Tann! Fortgeht’s in einer Hetze - Der Förster pfeift und lacht! Warum nicht? - Die Gesetze Vollstreckt’ er nur der Jagd!

Drum macht ihm keine Trauer Des jungen wild Geknirsch - Vergessen wird der Bauer, Gegessen wird der Hirsch! Ihm selbst wird die Medaille - Ja, so, das fehlte noch! - Den Fritzen, die Kanaille, Wirft man ins Hundeloch!

Da starrt er trüb durchs Gitter; Ein Lei’rer steht am Thor, Der singt zu seiner Zitter Ein Lied den Leuten vor: “Es lebe, was auf Erden Stolziert in grüner Tracht, Die Wälder und die Felder, der Jäger und die Jagd!”

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Illustration zu Vom Harze

Interpretation

Das Gedicht "Vom Harze" von Ferdinand Freiligrath schildert eine dramatische Jagdszene im Harzgebirge, die mit tragischen Konsequenzen endet. Es beginnt mit einer idyllischen Morgendämmerung, in der ein Hirsch mit seiner Kuhherde zum Waldrand zieht. Dort lauern ein alter Bauer und sein Sohn, die den Hirsch erschießen. Der alte Bauer freut sich über die erlegte Beute, die seine Felder vor weiterem Schaden bewahren soll. Doch plötzlich taucht der Förster auf und verfolgt die beiden Wilderer. Der Sohn flieht, doch der Vater wird vom Förster erschossen und stirbt in seinem eigenen Kornfeld. Das Gedicht verdeutlicht die Härte und Unbarmherzigkeit der Jagdgesetze und die soziale Ungerechtigkeit im 19. Jahrhundert. Der Förster, der die Gesetze der Jagd vollstreckt, wird für seine Tat gefeiert und mit einer Medaille geehrt, während der arme Bauer und sein Sohn als Kriminelle verachtet werden. Der junge Mann wird ins Gefängnis geworfen, wo er den Gesang eines Leiermanns hört, der die Jagd und die Natur verherrlicht. Das Gedicht kritisiert somit die Doppelmoral und den Missbrauch von Macht, der den Schwachen das Leben schwer macht. Freiligraths eindringliche Sprache und die lebendigen Bilder schaffen eine beklemmende Atmosphäre, die den Leser tief berührt. Die Lerche, die am Ende des Gedichts ihre Hymne auf das Leben anstimmt, steht symbolisch für die ungebrochene Kraft der Natur, die über den Tod und das menschliche Leid triumphiert. Sie besingt das Leben, während der junge Bauer um seinen Vater trauert und der Förster unbehelligt seiner Arbeit nachgeht. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die Werte und Normen der Gesellschaft an und lässt den Leser die Schicksale der Figuren nachempfinden.

Schlüsselwörter

hirsch gott mehr kalt förster blut kühe waldrand

Wortwolke

Wortwolke zu Vom Harze

Stilmittel

Alliteration
Ein Lei’rer steht am Thor
Anapher
Dem ist kein Korn mehr nütze, der biegt kein Hälmlein mehr
Bildsprache
Die Wälder und die Felder, der Jäger und die Jagd
Enjambement
Fortstieben rings die Kühe - der Alte ruft: 'O Glück!'
Hyperbel
Das ist ein kräftiger Regen, das ist ein kostbar Sprüh’n
Ironie
Die Gesetze Vollstreckt’ er nur der Jagd
Kontrast
Der Hirsch und auch der Mann
Metapher
Das ist ein Lerchensegen, der macht die Saaten grün
Onomatopoesie
Ein Knallen
Personifikation
Was denkt die Lerche nur?
Reimschema
AABB
Symbolik
Es lebe, was auf Erden Stolziert in grüner Tracht