Vom Abwesen seiner Liebsten.

Martin Opitz

1624

Werd ich die Zeit wohl sehn / daß doch der Tag anbreche / Darinnen ich mein Lieb noch endlich schawen soll? Jhr Stunden laufft doch fort / fliegt weg als Wasserbäche: Weil jhr so langsam seyd so bin ich trawrens voll. Auff / Morgenröth / auff auff; spann′ an des Phebus Pferde / Vnd sprich / er solle fort / es sey schon ziemlich spat / Daß er betrogen werd′ / vnd nahe sich der Erde: Ach Thetis laß ihn gehn den langen Sommergrad. Du / Monde / kanstu dich denn also wol verweilen? Wie lange seet doch der Morpheus Schlaffkraut auß? Sieh′ ob du nicht vermagst die Sonne zu ereilen / Vnd einzukommen noch in jhr vergüldtes Hauß. Ich muß noch manche stund′ in Sorg′ vnnd Kummer schweben / Muß noch in Angst vnd Noth verbringen lange Zeit / Eh′ als der Tag anbricht / darinnen mich mein Leben Bescheine durch das Liecht der hohen Freundligkeit. Ach warumb hab′ ich doch in mein Gemüt′ empfangen Jhr′ vnerhörte Zier vnd Tugend gantz vnd gar? Mein Hertze seufftzet stets / vnd brennet mit Verlangen / Vnd macht mir einen Tag noch länger als ein Jahr. Als mich das schnöde Glück′ auß jhrer Hand gerissen / Hat es zugleiche mich gerissen auch von mir: Ich muß mein Hertze nun mit Threnen stets begießen: Ich bin nicht bey mir selbst wann ich nicht bin bey jhr. Ach solt′ ich sehen nur jhr Göttliches Gesichte / Wie selig weren mir Gedancken / Muth vnd Sinn! Ein eintzig Augenblick von jhrem hellen Liechte / Daß fast die Sternen trutzt / legt alles Trawren hin. Ach keme doch die Zeit der hochgewünschten frewden / Daß ich erblickte nur den wunderklaren schein. Wann aber ich von jhr mich werde müssen scheiden / Da wünsch′ ich weiter dann im leben nicht zu seyn.

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Illustration zu Vom Abwesen seiner Liebsten.

Interpretation

Das Gedicht "Vom Abwesen seiner Liebsten" von Martin Opitz handelt von der Sehnsucht und dem Schmerz des lyrischen Ichs, das von seiner Geliebten getrennt ist. Der Sprecher sehnt sich danach, dass der Tag anbricht, an dem er seine Liebste endlich wiedersehen kann. Die Zeit vergeht ihm unerträglich langsam, und er ist voller Trauer und Sehnsucht. Er fleht die Morgenröte, den Mond und den Schlaf an, schneller zu kommen und den Tag herbeizuführen. Das lyrische Ich leidet unter der Trennung von seiner Geliebten und fühlt sich wie von sich selbst gerissen. Es vergießt Tränen und kann nur bei seiner Liebsten bei sich selbst sein. Die Sehnsucht nach einem einzigen Blick auf ihr göttliches Gesicht erfüllt das Ich mit Glück und lässt alle Trauer vergessen. Der Sprecher wünscht sich die Zeit der ersehnten Freuden herbei, in der er das wunderbare Licht seiner Geliebten erblicken kann. Am Ende des Gedichts äußert das lyrische Ich den Wunsch, nach dem erneuten Abschied von seiner Liebsten nicht weiterleben zu wollen. Die Trennung ist für das Ich unerträglich, und es sehnt sich danach, für immer mit seiner Geliebten vereint zu sein. Das Gedicht vermittelt eindringlich die tiefe Liebe und das Leid des lyrischen Ichs in der Abwesenheit seiner Liebsten.

Schlüsselwörter

vnd jhr zeit tag auff muß werd darinnen

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Ein Augenblick von ihrem hellen Licht legt alles Trauern hin
Metapher
Ich muss mein Herz mit Tränen begießen
Personifikation
Das Glück reißt mich aus ihrer Hand