Vision
1917Vor dem Rot des Tags, der Abschied nimmt, wälzt sich wollig wolkig grauer Rauch, welcher eines nahen Schlotes Bauch schwer entklimmt.
Und der Rauch formt vor dem roten Schein weiche Arabesken und Figuren. Wunderlich zerfließen die Konturen querluftein.
Was die Menschenhand am Ofen drunten um des Brotes Willen schafft und flicht, zieht vorbei im abendhimmelsbunten Schemenlicht.
Hämmer fallen auf geglühten Stahl. Flammen schlagen, und der Motor brüllt, wo man schwarze Eisenmäntel füllt, ohne Zahl.
Traurig bleibt der Wandrer stehn und sieht, wie das finstre Werk in grauen, langen, schlimmen Wegs bewußten Wolkenschlangen nachtwärts zieht
Giftig spaltet sich die Schlangenhaut. Schwerter züngeln und Kanonenmünder runden sich und bersten, Hundertpfünder - ohne Laut.
Pferdeleiber winden sich, und Hände greifen langgefingert jäh ins Leere. Durch die Reste wüster Waldgelände stelzen Heere.
Steil und spitzig stoßen Bajonette auf und nieder. Türme steigen, kippen. Tanzend, wiegend schlingt sich eine Kette aus Gerippen.
Fäuste wachsen, krallen sich um Kehlen. Dürre Körper sinken unter Hieben. Vor dem roten Schein im Rauch zerstieben Menschenseelen.
Nacht verschluckt die nebligen Gebilde. Ruhlos walkt der Schlot der Waffenschmiede … Wann wird Tag? O wann erwacht der milde Weltenfriede?
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Interpretation
Das Gedicht "Vision" von Erich Kurt Mühsam beschreibt eine düstere und bedrohliche Szenerie, in der sich der Dichter von einer Vision überwältigt fühlt. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung eines rauchenden Schornsteins, der sich vor dem untergehenden roten Himmel erhebt. Der Rauch formt sich zu weichen Arabesken und Figuren, die sich wunderlich zerfließen. In den folgenden Strophen wird die Vision immer bedrohlicher und gewalttätiger. Der Dichter sieht Hämmer, die auf glühenden Stahl fallen, Flammen, die schlagen, und einen Motor, der brüllt. Er sieht Schlangen, die sich giftig spalten, Schwerter und Kanonenmünder, die sich bilden und bersten. Er sieht Pferdeleiber, die sich winden, und Hände, die langfingrig ins Leere greifen. Er sieht Türme, die steigen und kippen, und eine Kette aus Gerippen, die tanzend und wiegend sich schlingt. In der letzten Strophe wird die Vision noch grausamer. Der Dichter sieht Fäuste, die sich um Kehlen krallen, dürre Körper, die unter Hieben sinken, und Menschenseelen, die vor dem roten Schein im Rauch zerstieben. Die Nacht verschluckt die nebligen Gebilde, und der Schlot der Waffenschmiede arbeitet rastlos weiter. Der Dichter fragt sich, wann der Tag anbrechen wird und wann der milde Weltenfriede erwachen wird. Das Gedicht "Vision" ist eine eindringliche Warnung vor den Gefahren des Krieges und der Gewalt. Es zeigt, wie die menschliche Hand, die am Ofen Brot schafft und flicht, auch Waffen schmieden und Tod und Zerstörung verbreiten kann. Es zeigt, wie die Vision des Dichters von einer friedlichen und harmonischen Welt durch die Realität des Krieges und der Gewalt zerstört wird. Es ist ein Appell an die Menschheit, sich für den Frieden einzusetzen und die Vision einer friedlichen Welt zu verwirklichen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- wann erwacht der milde Weltenfriede
- Personifikation
- Traurig bleibt der Wandrer stehn und sieht
- Vergleich
- wie das finstre Werk in grauen, langen, schlimmen Wegs bewußten Wolkenschlangen nachtwärts zieht