Vision 1

Walter Rheiner

1895

Der schwarze Himmel bleckt zerfreßne Zähne Auf Splitter-Tanz in wogendem Gefild. Am Horizont sträubt Bajonetten-Mähne

Sich zackig aufwärts. Donnernd birst der Schild Gebäumten Hügels. Aus den Feuer-Ritzen Erheben warmen Blutes Düfte mild

Schwankende Häupter. Angesichter blitzen Emporgekreiselt maskenhaft im Schaume. Verkohlte Leichen (Vogelscheuchen) sitzen

Am Rein versammelt unter dürrem Baume, Die Sterne springen toll in Wolken-Lücken. Verschlafne schreien auf aus bösem Traum.

Dunstige Täler speien Feuer-Tücken. - “O wandle über Meere, Geist des Christ! Die Wahnsinn-Nacht im Zorne zu zerstücken!”

“Wer sagt das Große, das im Herzen ist, Da noch verfluchte Macht in Allen lauert? Da du noch fern in armen Winkeln bist!”

Wir sind gewürgt! und Aug und Ohr vermauert!

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Illustration zu Vision 1

Interpretation

Das Gedicht "Vision 1" von Walter Rheiner beschreibt eine apokalyptische Szenerie, die von Gewalt, Zerstörung und Tod geprägt ist. Der Himmel wird als "schwarzer Himmel" mit "zerfressnen Zähnen" dargestellt, was auf eine bedrohliche und unheilvolle Atmosphäre hinweist. Die Landschaft wird als "wogendes Gefild" beschrieben, auf dem sich "Splitter-Tanz" abspielt, was auf Chaos und Zerstörung hindeutet. Am Horizont erhebt sich eine "Bajonetten-Mähne", die sich "zackig aufwärts" sträubt und auf militärische Gewalt und Aggression hindeutet. Die Vision setzt sich fort mit dem Bild eines "gebaumten Hügels", der unter dem Druck des "Donners" birst. Aus den "Feuer-Ritzen" erheben sich "warme Blutes Düfte", die von den "schwankenden Häuptern" ausgehen. Die "Angesichter" blitzen "maskenhaft im Schaume" auf, was auf die Entmenschlichung und Entfremdung der Menschen in dieser gewalttätigen Welt hinweist. Die "verkohlten Leichen" sitzen wie "Vogelscheuchen" unter einem "dürren Baume", was die Verwüstung und das Sterben symbolisiert. Die "Täler speien Feuer-Tücken", was die allgegenwärtige Gefahr und Zerstörung verdeutlicht. Das Gedicht endet mit einem verzweifelten Aufruf, dass der "Geist des Christ" über die "Meere" wandeln soll, um die "Wahnsinn-Nacht im Zorne zu zerstücken". Doch die Antwort lautet, dass die "verfluchte Macht in Allen lauert" und dass der Christus noch "fern in armen Winkeln" ist. Das Gedicht schließt mit dem Gefühl der Erstickung und der "vermauerten" Sinne, was die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Situation verdeutlicht.

Schlüsselwörter

feuer schwarze himmel bleckt zerfreßne zähne splitter tanz

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Donnernd birst der Schild
Apostrophe
"O wandle über Meere, Geist des Christ!"
Bildsprache
Dunstige Täler speien Feuer-Tücken
Hyperbel
Wir sind gewürgt! und Aug und Ohr vermauert
Metapher
Da du noch fern in armen Winkeln bist
Personifikation
Die Sterne springen toll in Wolken-Lücken
Rhetorische Frage
"Wer sagt das Große, das im Herzen ist, Da noch verfluchte Macht in Allen lauert?"