VIII. Sach ieman die vrouwen
1822I
Sach ieman die vrouwen, die man mac schouwen in dem venster stân? diu vil wolgetâne diu tuot mich âne sorgen, die ich hân. Si liuhtet sam der sunne tuot gegen dem liehten morgen. ê was si verborgen. dô muost ich sorgen. die wil ich nu lân.
II
Ist aber ieman hinne, der sîne sinne her behalten habe? der gê nach der schônen, diu mit ir krônen gie von hinnen abe; Daz si mir ze trôste kome, ê daz ich verscheide. diu liebe und diu leide diu wellen mich beide vürdern hin ze grabe.
III
Wan sol schrîben kleine reht ûf dem steine, der mîn grap bevât, wie liep sî mir waere und ich ir unmaere; swer danne über mich gât, Daz der lese dise nôt und ir gewinne künde, der vil grôzen sünde die sî an ir vründe her begangen hât.
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Interpretation
Das Gedicht "VIII. Sach ieman die vrouwen" von Heinrich von Morungen beschreibt die tiefe Bewunderung und Liebe des Sprechers zu einer Frau, die er durch ein Fenster betrachtet. In der ersten Strophe wird die Frau als sehr schön und bezaubernd beschrieben, die den Sprecher von all seinen Sorgen befreit. Sie strahlt wie die Sonne am Morgen und war zuvor verborgen, was den Sprecher sorgenvoll machte. Nun möchte er sie besitzen und lieben. In der zweiten Strophe ruft der Sprecher jemanden auf, der seine Sinne bewahren kann, der der schönen Frau folgen soll, die mit ihrer Krone davongeht. Er wünscht sich, dass sie ihm Trost bringt, bevor er stirbt. Liebe und Leid sollen ihn beide ins Grab führen. Die dritte Strophe handelt von einem Grabstein, auf dem klein geschrieben stehen soll, wie sehr die Frau dem Sprecher galt und er ihr ohne Sorge war. Wer über ihn geht und diese Not liest und von ihrer Schuld Kenntnis gewinnt, die sie an ihrer Braut begangen hat, der soll erfahren, wie sehr er den Sprecher geliebt hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sach ieman die vrouwen, die man mac schouwen
- Bildsprache
- waz liep sî mir waere und ich ir unmaere
- Hyperbel
- der vil grôzen sünde die sî an ir vründe her begangen hât
- Kontrast
- die liebe und diu leide
- Metapher
- Si liuhtet sam der sunne tuot gegen dem liehten morgen
- Personifikation
- daz ich verscheide
- Symbolik
- wer danne über mich gât