VII. Ez ist site der nahtegal
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Ez ist site der nahtegal, swanne sî ir liep volendet, sô geswîget sie. dur daz volge aber ich der swal, diu durch liebe noch dur leide ir singen nie verlie. Sît daz ich nu singen sol, sô mac ich von schulden sprechen wol: “ôwê, daz ich ie sô vil gebat und gevlêhte an eine stat, dâ ich genâden nienen sê.”
II
Swîge ich unde singe niet, sô sprechent sî, daz mir mîn singen zaeme baz. sprich aber ich und singe ein liet, sô muoz ich dulden beide ir spot und ouch ir haz. Wie sol man den nû geleben, die dem man mit schoener rede vergeben? ôwê, daz in ie sô wol gelanc, und ich lie dur si mînen sanc! ich wil singen aber als ê.
III
Owê mîner besten zît und owê mîner liehten wunneclîchen tage! waz der an ir dienste lît! nu jâmert mich vil manger senelîcher klage, Die si hât von mir vernomen und ir nie ze herzen kunde komen. owê, mîniu gar verlornen jâr! diu riuwent mich vür wâr. in verklage si niemer mê.
IV
Ir lachen und ir schoene ansehen und ir guot gebaerde hânt betoeret lange mich. in kan anders niht verjehen. swer mich ruomes zîhen wil, vür wâr, der sündet sich. Ich hân sorgen vil gepflegen und den vrouwen selten bî gelegen, owê, wan daz ich si gerne an sach und in ie daz beste sprach. mir enwart ir nie niht mê.
V
Ez ist niht, daz tiure sî, wan habe ez deste werder, wan den getriuwen man. der ist leider swaere bî. er ist verlorn, swer nû niht wan mit triuwen kan. Des wart ich vil wol gewar, wand ich ir mit triuwen ie diente dar. owê, daz ich triuwen nie genôz! des stên ich vröiden blôz. doch diene ich, swie ez ergê.
VI
Ob ich si dûhte hulden wert, sôn möhte mir zer werlte lieber niht geschên. het ich an got sît genâden gert, sin könden nâch dem tôde niemer mich vergên. Herumbe ich niemer doch verzage. ir lop, ir êre unz an mîn ende ich singe und sage. waz, ob si sich bedenket baz? unde taete si liebe daz, sô verbaere ich alle klage.
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Interpretation
Das Gedicht "VII. Ez ist site der nahtegal" von Heinrich von Morungen ist ein Minnelied, das die Gefühle eines unglücklich Liebenden zum Ausdruck bringt. Der Sprecher beklagt seine unerwiderte Liebe und die damit verbundenen Leiden. Er vergleicht sich mit der Nachtigall, die schweigt, sobald ihre Liebe erfüllt ist, während er selbst durch Liebe und Leid ständig singt und nie aufhört zu klagen. In den einzelnen Strophen des Gedichts werden verschiedene Aspekte der unglücklichen Liebe thematisiert. Der Sprecher beklagt, dass er seine Liebe gestanden hat, aber keine Gnade gefunden hat. Er fühlt sich in einer Zwickmühle, da er, wenn er schweigt, dafür kritisiert wird, nicht zu singen, und wenn er singt, dafür verspottet und gehasst wird. Er bedauert die verlorene Zeit und die unerfüllte Liebe, die ihm keine Freude gebracht hat. Der Sprecher gesteht auch, dass er von der Schönheit und dem Aussehen der Geliebten getäuscht wurde und dass er sich selbst schuldig gemacht hat, indem er sich auf sie eingelassen hat. Er bedauert, dass er sich um sie bemüht hat, aber selten bei ihr war. Er erkennt, dass Treue teuer ist und dass er selbst durch seine Treue verloren hat. Trotzdem will er weiterhin treu bleiben und seine Liebe bekennen, auch wenn sie unerwidert bleibt. Insgesamt ist das Gedicht ein Ausdruck der tiefen Trauer und des Schmerzes, den ein unglücklich Liebender empfindet. Es zeigt die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit, die mit unerfüllter Liebe einhergehen können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schulden sprechen
- Anapher
- owê, owê
- Aufzählung
- ir lachen und ir schoene ansehen und ir guot gebaerde hânt
- Bedingung
- Ob ich si dûhte hulden wert
- Hyperbel
- ôwê, daz ich ie sô vil gebat
- Kontrast
- Swîge ich unde singe niet
- Metapher
- ir lop, ir êre unz an mîn ende
- Paradox
- der ist verlorn, swer nû niht wan mit triuwen kan
- Parallelismus
- ir lachen und ir schoene ansehen und ir guot gebaerde hânt
- Personifikation
- die durch liebe noch dur leide ir singen nie verlie
- Rhetorische Frage
- waz, ob si sich bedenket baz?
- Vergleich
- wan habe ez deste werder, wan den getriuwen man
- Wiederholung
- owê, daz ich triuwen nie genôz