VI b.   Der alsô vil geriefe

Heinrich von Morungen

1222

I

Der alsô vil geriefe in einen touben walt, ez antwürte ime dar ûz eteswenne. nû ist der schal dicke vor ir manicvalt von mîner nôt. wil si die bekennen? Nein, si entuot, got der welle ein wunder sîn vil verre an ir erzeigen. jâ mohte ich baz einen boum mit mîner bete sunder wâfen nider geneigen.

II

Wist ich, obe ez mohte wol verswigen sîn, ich lieze iuch sehen mîne lieben vrouwen, der enzwei braeche mir daz herze mîn, der mohte sî schône drinne schouwen. Si kam her dur diu ganzen ougen mîn sunder tür gegangen. ôwê, solte ich von ir reinen minnen sîn alsô werdeclîche enpfangen!

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Illustration zu VI b.   Der alsô vil geriefe

Interpretation

Das Gedicht "VI b. Der alsô vil geriefe" von Heinrich von Morungen handelt von einem unerfüllten Liebesverlangen des lyrischen Ichs nach einer Frau. Im ersten Teil vergleicht der Sprecher seine Sehnsucht mit einem Baum, der in einen dichten Wald hineinreicht, aber keine Antwort erhält. Er fragt sich, ob die Frau seine Not bekennen würde, doch sie bleibt stumm. Der Sprecher wünscht sich, durch seine Gebete einen Baum ohne Waffen zu neigen, was als Metapher für seine vergeblichen Versuche stehen könnte, die Frau für sich zu gewinnen. Im zweiten Teil äußert der Sprecher den Wunsch, seine Liebe vor der Frau verbergen zu können. Er stellt sich vor, dass jemand, der sein Herz brechen könnte, sie schön darin sehen würde. Die Frau ist durch seine Augen in sein Herz getreten, ohne eine Tür zu durchschreiten. Der Sprecher bedauert, dass er von ihrer reinen Liebe so demütigend empfangen wurde. Das Gedicht vermittelt eine tiefe emotionale Verletzlichkeit und die Schmerzen unerwiderter Liebe.

Schlüsselwörter

mohte vil sunder geriefe touben walt antwürte ime

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Der enzwei braeche mir daz herze mîn, der mohte sî schône drinne schouwen
Hyperbel
jâ mohte ich baz einen boum mit mîner bete sunder wâfen nider geneigen
Kontrast
ôwê, solte ich von ir reinen minnen sîn alsô werdeclîche enpfangen
Metapher
in einen touben walt
Personifikation
Der alsô vil geriefe in einen touben walt, ez antwürte ime dar ûz eteswenne
Rhetorische Frage
vil verre an ir erzeigen
Symbolik
Si kam her dur diu ganzen ougen mîn sunder tür gegangen