VI a. West ich, ob ez verswîget möhte sîn
1150I
West ich, ob ez verswîget möhte sîn, ich lieze iuch sehen mîne schoene vrouwen, der enzwei braeche mir daz herze mîn, der möhte sî schône drinne schouwen. Si kam her dur diu ganzen ougen sunder tür gegangen. ôwê, solde ich von ir süezen minne sîn als minneclîch enpfangen!
II
Der sô lange rüeft in einen touben walt, ez antwürt im dar ûz eteswenne. nû ist diu klage vor ir dicke manicvalt gegen mîner nôt, swie sis niht erkenne. Doch klaget ir maniger mînen kumber vil dicke mit gesange. ôwê, jâ hât sî geslâfen allez her alder geswigen alze lange.
III
Waer ein sitich alder ein star, die mehten sît gelernet hân, daz si spraechen minnen. ich hân ir gedienet her vil lange zît. mac sî sich doch mîner rede versinnen? Nein sî, niht, got enwelle ein wunder vil verre an ir erzeigen. jâ möht ich sît einen boum mit mîner bete sunder wâpen nider geneigen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht VI a. "West ich, ob ez verswîget möhte sîn" von Heinrich von Morungen thematisiert die unerfüllte Liebe des lyrischen Ichs zu einer schönen Frau. In der ersten Strophe sehnt sich der Sprecher danach, die Frau sehen zu können, ohne dass sein Herz dabei zerbricht. Er wünscht sich, sie nur durch die Augen betrachten zu können, ohne von ihrer Schönheit überwältigt zu werden. Die zweite Strophe vergleicht die Klage des Sprechers über seine unglückliche Liebe mit einem Ruf in einen tiefen Wald, der nur von fernher beantwortet wird. Die Klage wird von vielen mit Gesang begleitet, doch die Frau selbst schläft und schweigt schon lange, was den Schmerz des Sprechers noch verstärkt. In der dritten Strophe wünscht sich der Sprecher, Vögel wie Nachtigall oder Star könnten die Sprache der Liebe lernen und seiner Angebeteten seine langjährige Treue und Hingabe überbringen. Doch er bezweifelt, dass sie sich seiner Worte überhaupt noch erinnern wird. In einem resignierenden Unterton hofft er, dass Gott an ihr ein noch viel größeres Wunder vollbringen möge, als er es sich vorstellen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- sonder wâpen nider geneigen
- Anapher
- ôwê, jâ hât sî geslâfen allez her
- Enjambement
- jâ möht ich sît einen boum mit mîner bete sonder wâpen nider geneigen
- Hyperbel
- jâ möht ich sît einen boum mit mîner bete sonder wâpen nider geneigen
- Metapher
- Nicht, got enwelle ein wunder vil verre an ir erzeigen
- Personifikation
- ez antwürt im dar ûz eteswenne