Verwandlungen

Gertrud Kolmar

1917

Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch Mit ihrem weißen Stern, mit ihrem grauen Fluch, Mit ihrem wehenden Zipfel, der die Tagkrähen scheucht, Mit ihren Nebelfransen, von einsamen Teichen feucht.

Ich hing im Gebälke starr als eine Fledermaus, Ich lasse mich fallen in Luft und fahre nun aus. Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund, Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund.

Über den stumpfen Türmen sind Himmelswipfel schwarz. Aus ihren kahlen Stämmen sickert gläsernes Harz Zu unsichtbaren Kelchen wie Oportowein. In meinen braunen Augen bleibt der Widerschein.

Mit meinen goldbraunen Augen will ich fangen gehn, Fangen den Fisch in Gräben, die zwischen Häusern stehn, Fangen den Fisch der Meere: und Meer ist ein weiter Platz Mit zerknickten Masten, versunkenem Silberschatz.

Die schweren Schiffsglocken läuten aus dem Algenwald. Unter den Schiffsfiguren starrt eine Kindergestalt, In Händen die Limone und an der Stirn ein Licht. Zwischen uns fahren die Wasser; ich behalte dich nicht.

Hinter erfrorener Scheibe glühn Lampen bunt und heiß, Tauchen blanke Löffel in Schalen, buntes Eis; Ich locke mit roten Früchten, draus meine Lippen gemacht, Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht.

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Illustration zu Verwandlungen

Interpretation

Das Gedicht "Verwandlungen" von Gertrud Kolmar handelt von einer Reihe von Metamorphosen, bei denen die lyrische Ich-Figur verschiedene Identitäten annimmt. Die Nacht wird als ein warmes Tuch beschrieben, das den Sprecher umhüllt und Schutz vor dem grauen Fluch des Tages bietet. In der ersten Verwandlung wird das Ich zu einer Fledermaus, die sich in die Luft stürzt und sich an einem Mann festklammert, um sein Blut zu saugen. In der zweiten Verwandlung wird das Ich zu einem Jäger, der mit seinen goldbraunen Augen Fische fängt, sowohl in Gräben zwischen Häusern als auch in den Weiten des Meeres. Die dritte Verwandlung zeigt das Ich als eine kindliche Gestalt, die auf Schiffen treibt und mit einer Limone in den Händen und einem Licht auf der Stirn nach einem verlorenen Geliebten sucht. Die letzte Verwandlung ist die eines verführerischen Wesens, das mit roten Früchten lockt und sich selbst als eine kleine Speise in einem Becher der Nacht beschreibt. Das Gedicht "Verwandlungen" von Gertrud Kolmar ist ein Beispiel für die expressionistische Dichtung, die sich durch eine subjektive, oft düstere und verstörende Darstellung der Welt auszeichnet. Die Verwandlungen des Ichs können als eine Metapher für die Suche nach Identität und Zugehörigkeit in einer chaotischen und unübersichtlichen Welt verstanden werden. Die verschiedenen Identitäten, die das Ich annimmt, spiegeln die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur wider. Die nächtliche Atmosphäre und die düsteren Bilder schaffen eine Stimmung der Einsamkeit, Sehnsucht und des Verlusts. Das Gedicht "Verwandlungen" von Gertrud Kolmar ist ein faszinierendes und vielschichtiges Werk, das den Leser mit seiner bildhaften Sprache und seiner symbolischen Tiefe fesselt. Die Verwandlungen des Ichs sind ein Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Veränderung und Transformation, aber auch ein Hinweis auf die Gefahren und Risiken, die mit solchen Veränderungen verbunden sind. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, über die Natur der Identität, die Rolle der Nacht als Schutzraum und die Bedeutung von Sehnsucht und Verlust in der menschlichen Erfahrung nachzudenken.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Mit ihrem wehenden Zipfel, der die Tagkrähen scheucht
Bildsprache
Tauchen blanke Löffel in Schalen, buntes Eis
Metapher
Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht
Personifikation
Unter den Schiffsfiguren starrt eine Kindergestalt
Vergleich
Und Meer ist ein weiter Platz Mit zerknickten Masten, versunkenem Silberschatz