Verwandlung

Hermann Lingg

1948

Ich sah dich noch ein lieblich Kind, Umflattert von der Unschuld Träumen, Wie Knospen, die am Aufblühn sind, Und schüchtern, aufzublühn noch säumen; Schon waren alle Reize dein, Dich ahnungsvoll vorauszuschmücken, Und wer dich sah, sprach mit Entzücken: Wie schön wird einst dies Mädchen sein!

Ich sah dich wieder - Jahr und Tag War unterdes dahingegangen; Anstatt der Jugendrosen lag Ein stiller Gram auf deinen Wangen. Doch welche Hoheit war noch dein! In deinen Blicken welche Sonne! Ich sprach zu mir mit Schmerz und Wonne: Wie schön muß sie gewesen sein! -

Ich sprach dich, welche Milde floß Und welche Anmut dir vom Munde, Wie stand′st du da, wie rein und groß, Verhüllend deines Herzens Wunde; Dein edles Herz, dies blieb ja dein, Das wird dich stets am meisten schmücken, Ich fühl′s mit innigem Entzücken: So schön, so wirst du immer sein!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Verwandlung

Interpretation

Das Gedicht "Verwandlung" von Hermann Lingg beschreibt die Veränderung einer Frau im Laufe der Zeit. In der ersten Strophe wird sie als junges Mädchen dargestellt, voller Unschuld und Anmut, vergleichbar mit einer Knospe, die sich noch nicht vollständig geöffnet hat. Die Menschen um sie herum bewundern ihre Schönheit und erwarten, dass sie noch schöner werden wird, wenn sie erwachsen ist. In der zweiten Strophe ist einige Zeit vergangen, und die Frau hat sich verändert. Anstelle der jugendlichen Frische liegt nun ein stiller Kummer auf ihren Wangen. Trotzdem strahlt sie eine gewisse Hoheit und Würde aus. Der Sprecher des Gedichts empfindet sowohl Schmerz als auch Freude, wenn er an ihre vergangene Schönheit denkt und sich fragt, wie schön sie wohl einmal gewesen sein muss. Die dritte Strophe zeigt die Frau in ihrer jetzigen Gestalt. Obwohl sie eine Wunde im Herzen trägt, bewahrt sie ihre Sanftmut und Anmut. Ihr edles Herz bleibt ihr ständiger Schmuck, und der Sprecher empfindet tiefe Freude darüber, dass sie so bleiben wird, wie sie ist - schön in ihrem Wesen und Charakter. Das Gedicht betont die innere Schönheit und die Beständigkeit des Charakters einer Frau, die sich im Laufe der Zeit wandelt, aber ihre wahre Schönheit bewahrt.

Schlüsselwörter

sah sprach schön entzücken lieblich kind umflattert unschuld

Wortwolke

Wortwolke zu Verwandlung

Stilmittel

Alliteration
Wie schön muß sie gewesen sein
Hyperbel
So schön, so wirst du immer sein!
Kontrast
Anstatt der Jugendrosen lag Ein stiller Gram auf deinen Wangen
Metapher
Verhüllend deines Herzens Wunde
Personifikation
Umflattert von der Unschuld Träumen
Vergleich
Wie Knospen, die am Aufblühn sind