Vertrauen
1762Wer giebt uns unsern Kinderglauben An eine treue Welt zurück? Ach, schließt den allzu scharfen Blick! Was uns die Zuversicht kann rauben, Zerstört des Herzens Glück.
Dein denkt mein Geist mit Wohlgefallen, O Zeit, wenn, fremd in klüg’rer Welt, Man traut zu jedem sich gesellt, Und arglos, wie die Nachtigallen, In offne Schlingen fällt.
O Glück, noch kindlich hinzulangen Nach Blumen, eh’ man sie benennt, Nach Freuden, die man halb nur kennt; Wenn unser Blick, kaum aufgegangen, Nicht Schein und Wesen trennt!
Ihr Tage, wo wir klüger werden, Wie schwül ist euer Mittagslicht, Wenn die Erfahrung warnend spricht: Vollkommen weilet nichts auf Erden! Was blühet, währet nicht.
Wohl dann dem liebenden Gemüte, Das sein Vertrauen rein bewahrt, Und, sein Gefühl sei noch so zart, Nie zweifelt an des Edeln Güte, Noch an der Menschen Art.
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Interpretation
Das Gedicht "Vertrauen" von Johann Gaudenz von Salis-Seewis handelt von der Sehnsucht nach dem kindlichen Glauben an eine treue Welt und der Schwierigkeit, diesen Glauben im Erwachsenenalter aufrechtzuerhalten. Der Dichter bedauert den Verlust der Unschuld und des Vertrauens, das mit der Erfahrung einhergeht, und sehnt sich nach einer Zeit zurück, in der man noch arglos und unvoreingenommen war. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die Konsequenzen des Verlustes des kindlichen Glaubens. Der Dichter bedauert, dass man im Erwachsenenalter nicht mehr blind vertrauen kann und dass man sich bewusst sein muss, dass nichts auf Erden vollkommen oder von Dauer ist. Die Erfahrung lehrt uns, dass alles vergänglich ist und dass wir vorsichtig sein müssen, um nicht enttäuscht zu werden. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Dichter an diejenigen, die es geschafft haben, ihr Vertrauen und ihre Reinheit des Herzens zu bewahren. Er lobt diejenigen, die trotz aller Erfahrungen und Enttäuschungen immer noch an die Güte des Menschen glauben und niemals an der Ehrlichkeit anderer zweifeln. Diese Menschen sind es, die das wahre Glück finden und die Fähigkeit besitzen, bedingungslos zu lieben und zu vertrauen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Wohl dann dem liebenden Gemüte, Das sein Vertrauen rein bewahrt,
- Personifikation
- Wenn die Erfahrung warnend spricht:
- Vergleich
- Und arglos, wie die Nachtigallen, In offne Schlingen fällt.