Versuchung des Heiligen Antonius
1919Meine Nerven im Körper stellen sich auf wie Stachelfelder, Blühende Klettenfelder und Knotensträucher. Mein Rückenmark singt eine rote Messe von knäbischen Fisteltönen. Im Rohr meines Rückenmarks kollern Bergstürze und hopsende Steine. Mein Kopf neigt sich vornüber blutgefüllt. Spärliches Haar auf der Schädeldecke reckt sich, grünes Gewürm.
Wände schief, Häuser schief. Stechfliegenschwärme sausen und funkeln durchs Zimmer. Wände haben die Blattern bekommen und bröckeln ab. Ärzte mit hohen Kappen gehn um und verkleben die Krankheit mit Pflastern. Acht Ellen hoch steht an der Türe das Pestphantom mit der Klapper. Ich hole zum Schlag aus. Hilfe! Es weicht nicht. Eine gelbe Wolke. Zeter und Mordio. Irrsinn. Irrsinn!
Fliegende Scharlachstädte. Grüne Oasen. Leuchtfäden. Schwarz ratternde Sonnen. Der Boden wankt. Eine grüne Decke stürzt ein. »Da ist er!« Sie knebeln mich, Negerfratzen, das Knie auf meinem Bauchfell. Menschenkörper, knapp über dem Boden, flüchten und schnellen Nackt und energisch mit zuckender Schlangenbewegung die Korridore entlang. Ein Zischen von hunderttausend Dampfsirenen schreit aus den Hafenstädten. Kerle mit Bambusstangen über- und durcheinander auf Plätzen und Türmen. Gerenne. Gestampfe. Luft eitert. Licht zerplatzt. Fixsterne, in Kasernen verirrt.
Und immer die Polterstöße von unten, wie aus dem Höllenkessel. Und immer das zinnobergrüne, violettgelbe Zickzackgetöse geilsüchtiger Linien. Meine Hände im Aufruhr haben sich an eine Säule des Tempels geklammert. Jemand hohnschreit: Obszönität! Andere springen aus Fensterfronten. Ein Krach zerreißt eine ganze Stadt. Die Buddhapriester auf Lotosstühlen, Links oben, dickbäuchig und aufgeschwollen, Großväter des Stumpfsinns, Lächeln und fächeln und schwenken den Bauch hin und her in gewitzigten Händen Und platzen vor faltenreißender Schadenfreude.
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Interpretation
Das Gedicht "Versuchung des Heiligen Antonius" von Hugo Ball ist ein expressionistisches Werk, das den inneren Kampf des Heiligen Antonius mit seinen Versuchungen darstellt. Es verwendet eine Vielzahl von surrealen und oft verstörenden Bildern, um den psychischen Zustand des Heiligen Antonius zu beschreiben. Der erste Teil des Gedichts beschreibt die körperlichen und psychischen Qualen, die Antonius erleidet. Seine Nerven sind wie "Stachelfelder" und sein Rückenmark singt eine "rote Messe". Diese Bilder deuten auf eine tiefe innere Unruhe und Verzweiflung hin. Die Erwähnung von "Bergstürzen" und "hopsenden Steinen" in seinem Rückenmark verstärkt das Gefühl der Instabilität und des Chaos. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Umgebung des Heiligen Antonius als verzerrt und krank beschrieben. Die Wände sind "schief" und haben "die Blattern bekommen", was auf eine Verzerrung der Realität hindeutet. Die Ärzte, die versuchen, die Krankheit zu "verkleben", und das "Pestphantom" an der Tür tragen zur Atmosphäre der Angst und des Unheils bei. Der letzte Teil des Gedichts ist voller chaotischer und surrealer Bilder, die die Intensität der Versuchungen des Heiligen Antonius verdeutlichen. Die "fliegenden Scharlachstädte", die "grünen Oasen" und die "schwarz ratternden Sonnen" sind allesamt Symbole für die Verzerrung der Realität. Die "Negerfratzen", die ihn knebeln, und die "Menschenkörper, die flüchten und schnellen", verstärken das Gefühl der Verfolgung und des Chaos. Die "Buddhapriester auf Lotosstühlen" am Ende des Gedichts, die "vor faltenreißender Schadenfreude platzen", könnten als Symbol für die ultimative Versuchung oder den ultimativen Feind interpretiert werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Spärliches Haar auf der Schädeldecke reckt sich, grünes Gewürm
- Bildsprache
- Lächeln und fächeln und schwenken den Bauch hin und her in gewitzigten Händen
- Hyperbel
- Ein Zischen von hunderttausend Dampfsirenen schreit aus den Hafenstädten
- Metapher
- Großväter des Stumpfsinns
- Onomatopoesie
- Zeter und Mordio
- Personifikation
- Meine Hände im Aufruhr haben sich an eine Säule des Tempels geklammert
- Symbolik
- Pestphantom mit der Klapper
- Vergleich
- Wie aus dem Höllenkessel