Verschwiegenheit B.
1744Grabe, wems behagt, der Rinde Der Geliebten Namen ein; Welcher Hirtin ich empfinde, Flüstert keine Buch’ im Hain. Unsers Bundes Knoten schlangen Jahre fester, doch verrieth Auch den Saiten, die ihr klangen, Ihren Namen nie mein Lied.
Ach! die Blume des Genußes Welkt am offnen Sonnenlicht. Zeugen unsers stillen Kusses Gaben Neidern schnell Bericht. Selbst den Schwur der Treue schwuren Wir im unbetretnen Wald. Neugier spät die kleinsten Spuren, Eifersucht hört leis’ und bald.
Wo das Lamm der Trauten hüpfet, Trift man meine Herde nie. Schüchtern und bedächtlich schlüpfet Mein verstolner Blick auf sie. Unverfärbt hör’ ich sie nennen, Scherz’ und lache, wenn sie singt, Und will nicht ihr Hündchen kennen, Das liebkosend mich umspringt.
Hirten, lernt euch selbst bewahren! Plauderei gebiert nur Leid. Müßens alle gleich erfahren, Daß ihr zu beneiden seid? Schweigend ist der Wonne Fülle, Gern entweicht sie dem Verdacht, Und erwählt des Schattens Hülle, Der sie doppelt reizend macht.
Leichtes Sinnes schwatzen Thoren Von der Seele Wünschen laut; Was des Klügern Herz erkoren, Wird auch Freunden nicht vertraut. Andern kein Geheimnis, bliebe Mir mein Glück nicht schön, nicht rein. Sag ich denn, daß ich dich liebe, Sag ich, Theure, dirs allein!
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Interpretation
Das Gedicht "Verschwiegenheit B." von Heinrich Christian Boie behandelt das Thema der bewussten Geheimhaltung in einer heimlichen Liebesbeziehung. Der Sprecher betont, dass er den Namen seiner Geliebten weder in die Rinde eines Baumes ritzt noch in seinen Liedern preisgibt, um die Intimität ihrer Verbindung zu bewahren. Die Liebe wird als etwas Zerbrechliches dargestellt, das unter dem "offnen Sonnenlicht" welkt, weshalb der Sprecher und seine Geliebte ihre Treue im abgelegenen Wald schwören, fernab neugieriger Blicke und eifersüchtiger Ohren. Der zweite Teil des Gedichts verdeutlicht die Vorsicht und Diskretion, mit der der Sprecher seine Beziehung handhabt. Er meidet öffentliche Orte, an denen seine Herde und die seiner Geliebten sich treffen könnten, und verhält sich ihr gegenüber unauffällig, ohne ihre Zuneigung offen zu erwidern. Diese Zurückhaltung dient dem Schutz ihrer Liebe vor den neugierigen Blicken und dem Gerede anderer, die das Glück der Liebenden neiden könnten. Abschließend appelliert der Sprecher an die "Hirten" – metaphorisch für Menschen in Liebesbeziehungen – sich selbst zu bewahren, indem sie Verschwiegenheit wahren. Er kontrastiert die Leichtfertigkeit derer, die über ihre Wünsche plaudern, mit der Weisheit derer, die ihr Glück für sich behalten. Das Gedicht endet mit der Bekräftigung, dass die Liebe des Sprechers nur seiner Geliebten gegenüber ausgesprochen wird, was die Exklusivität und Intimität ihrer Beziehung unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Sag ich denn, daß ich dich liebe, Sag ich, Theure, dirs allein!
- Personifikation
- Welcher Hirtin ich empfinde, flüstert keine Buch' im Hain