Verlust und Ersatz

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Was ich eigen je besessen, Was ich spähend fern gewahrt, Was, auf rauh umstürmter Fahrt, Aus dem tiefsten Grund der Wogen Wagend ich herausgezogen, Jede Perle, jede Blüthe, Jede Frucht, die golden glühte, Jede Knospe meines Strebens, Blume, Mark und Kern des Lebens Gab ich für die Liebe hin – Und es däuchte mir Gewinn!

Mit dem reich beladnen Schiffe, Das die Himmlische mir trug, Fuhr ich hin im stolzen Flug! Jubelnd schwamm ich in dem hellen Strahle meines Glücks; die Wellen Schmiegten sich zu meinen Füßen, Sklaven, ihren Herrn zu grüßen; Jauchzend scholl’s aus allen Tiefen, Tausend Geisterstimmen riefen: »Heil! o Heil! – Ihr Winde, ruht, Eine Göttin trägt die Fluth!« –

Ach! umsonst! Es ist ! Schnell zerronnen ist der Traum, Und die Göttin wieder Schaum! – – Ausgelöscht sah ich die Sterne – Immer weiter in die Ferne Schwand das Ufer – wild und wilder Jagten sich die Wolkenbilder – Aus der Höhe zuckten Flammen – Krachend stürzt das Schiff zusammen! Aermer bin ich nun als arm, Ueberreich an Qual und Harm!

Nun, wohlan – so sey’s verloren! Fahre wohl, du Maienzeit Seliger Vergangenheit! – Aber Ihm, dem nichts geblieben, Weil er Alles für sein Lieben Tauschte, Götter, Gabe Gebt für die verlorne Habe! Senkt die Friedenstaube nieder, Daß ihr fächelndes Gefieder Kühle seiner Stirne Gluth, Trockne seiner Thränen Fluth!

Gebt, daß mit der Kraft des Liedes, Was das Leben ihm geraubt, Träume, die sein Herz , Er vermöge fest zu halten; Laßt die zaubrischen Gestalten, Ob er nie sie auch umfange, Doch ihm winken im Gesange! Ob auch leer um ihn die Räume, Laßt die seiner Träume; Gebt ihm so für trübes Seyn Bess’res Glück – den holden !

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Illustration zu Verlust und Ersatz

Interpretation

Das Gedicht "Verlust und Ersatz" von Joseph Christian von Zedlitz beschäftigt sich mit dem Thema der verlorenen Liebe und dem Versuch, diesen Verlust durch andere Formen des Glücks zu kompensieren. Der Sprecher erzählt von den wertvollen Dingen, die er für die Liebe geopfert hat, und wie er sich durch diese Hingabe bereichert fühlte. Er beschreibt eine Zeit des Glücks und der Erfüllung, in der er sich wie ein Gott fühlte und von allen Seiten gefeiert wurde. Jedoch endet diese glückliche Zeit abrupt, als die Liebe verloren geht. Der Sprecher fühlt sich nun ärmer als arm und überreich an Qual und Schmerz. Er akzeptiert den Verlust und verabschiedet sich von der vergangenen Zeit des Glücks. Doch er bittet die Götter um eine Gabe, um den Verlust zu kompensieren. Der Sprecher wünscht sich, dass ihm die Kraft des Liedes gegeben wird, um das Verlorene festzuhalten und die zauberhaften Gestalten seiner Träume im Gesang winken zu lassen. Er hofft, dass ihm so für das trübe Sein ein besseres Glück - die holde Phantasie - geschenkt wird. Das Gedicht endet mit der Bitte, ihm diese Gabe zu gewähren, um den Verlust der Liebe zu überwinden und Trost in der Phantasie zu finden.

Schlüsselwörter

jede gebt hin heil göttin fluth träume laßt

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Stilmittel

Metapher
Bess'res Glück – den holden Schein
Personifikation
Schmiegten sich zu meinen Füßen