Verlorene Liebe
1857Lieder schweigen jetzt und Klagen, Nun will ich erst fröhlich sein, All mein Leid will ich zerschlagen Und Erinnern - gebt mir Wein! Wie er mir verlockend spiegelt Sterne und der Erde Lust, Stillgeschäftig dann entriegelt All die Teufel in der Brust, Erst der Knecht und dann der Meister, Bricht er durch die Nacht herein, Wildester der Lügengeister, Ring mit mir, ich lache dein! Und den Becher voll Entsetzen Werf ich in des Stromes Grund, Daß sich nimmer dran soll letzen Wer noch fröhlich und gesund!
Lauten hör ich ferne klingen, Lustge Bursche ziehn vom Schmaus, Ständchen sie den Liebsten bringen, Und das lockt mich mit hinaus. Mädchen hinterm blühnden Baume Winkt und macht das Fenster auf, Und ich steige wie im Traume Durch das kleine Haus hinauf. Schüttle nur die dunklen Locken Aus dem schönen Angesicht! Sieh, ich stehe ganz erschrocken: Das sind ihre Augen licht,
Locken hatte sie wie deine, Bleiche Wangen, Lippen rot - Ach, du bist ja doch nicht meine, Und mein Lieb ist lange tot! Hättest du nur nicht gesprochen Und so frech geblickt nach mir, Das hat ganz den Traum zerbrochen Und nun grauet mir vor dir. Da nimm Geld, kauf Putz und Flimmern, Fort und lache nicht so wild! O ich möchte dich zertrümmern, Schönes, lügenhaftes Bild!
Spät von dem verlornen Kinde Kam ich durch die Nacht daher, Fahnen drehten sich im Winde, Alle Gassen waren leer. Oben lag noch meine Laute Und mein Fenster stand noch auf, Aus dem stillen Grunde graute Wunderbar die Stadt herauf. Draußen aber blitzts vom weiten, Alter Zeiten ich gedacht′, Schaudernd reiß ich in den Saiten Und ich sing die halbe Nacht. Die verschlafnen Nachbarn sprechen, Daß ich nächtlich trunken sei - O du mein Gott! und mir brechen Herz und Saitenspiel entzwei!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Verlorene Liebe" von Joseph von Eichendorff erzählt die Geschichte eines Mannes, der nach einer verlorenen Liebe durch die Nacht irrt. Der Protagonist versucht, seinen Schmerz durch Alkohol zu betäuben und seine Erinnerungen zu vergessen. Doch der Wein entfesselt nur die "Teufel" in seiner Brust und führt ihn zu einer jungen Frau, die seiner verstorbenen Geliebten ähnlich sieht. In der zweiten Strophe erwacht der Protagonist aus seinem Traum und erkennt, dass die Frau nicht seine Geliebte ist. Er ist erschrocken und wütend über die Täuschung und wirft der Frau vor, ihn angelogen zu haben. Er wünscht sich, sie zu zertrümmern, da sie ihn an seine verlorene Liebe erinnert. In der letzten Strophe kehrt der Protagonist nach Hause zurück und spielt auf seiner Laute, um seinen Schmerz zu verarbeiten. Die Nachbarn halten ihn für betrunken, doch in Wirklichkeit ist er von seiner Trauer überwältigt. Das Gedicht endet mit dem Bruch seines Herzens und seines Saitenspiels, was seine endgültige Verzweiflung symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Lieder schweigen jetzt und Klagen
- Anspielung
- Draußen aber blitzts vom weiten, Alter Zeiten ich gedacht′
- Bildsprache
- Wie er mir verlockend spiegelt Sterne und der Erde Lust
- Enjambement
- Daß ich nächtlich trunken sei - O du mein Gott! und mir brechen Herz und Saitenspiel entzwei!
- Hyperbel
- Daß sich nimmer dran soll letzen Wer noch fröhlich und gesund!
- Kontrast
- O ich möchte dich zertrümmern, Schönes, lügenhaftes Bild!
- Metapher
- All mein Leid will ich zerschlagen
- Personifikation
- Erst der Knecht und dann der Meister, Bricht er durch die Nacht herein
- Symbolik
- Und den Becher voll Entsetzen Wurf ich in des Stromes Grund
- Vergleich
- Locken hatte sie wie deine